Bericht
Die Datenbank der Absichten

Schön, wenn Suchmaschinen als Spiegel für die eigene Eitelkeit dienen. Hässlich, wenn Suchalgorithmen gegen den eigenen Willen vergangene Tatsachen, unerwünschte Verknüpfungen oder Gehässigkeiten des Ex-Partners ans Licht fördern. Moritz – mo. – Sauer über das neue Leben mit den Suchmaschinen.

Die Suchmaschinen, allen voran die Datenkrake Google, herrschen über das Netz. Schließlich legen sie die Trampelpfade für Benutzer und stellen per Suchergebnis-Link die Wegweiser auf. Die Suchfunktion bestimmt hierbei nicht nur unsere Kultur, sondern ist zentraler Baustein eines fetten und immer monströser werdenden Geschäftsleben. Denn wer Aufmerksamkeitsströme leitet, besitzt im 21. Jahrhundert die Macht. Kein Wunder, wächst das Internet doch exponential. Besonders Web 2.0-Services wie Weblogs, Communities von Flickr über Last.fm bis hin zu einem Web-Moloch wie MySpace forcieren das Publizieren im World Wide Web. Immer leichter veröffentlichen Millionen von einfachen Anwendern Bilder, Videoclips und Texte. Einerseits kostet sie das in der Regel gar nichts und andererseits benötigen sie dazu noch nicht einmal irgendwelche technischen Kenntnissen. XHTML? CSS? Flash? Kennt man nicht, braucht man nicht. Web-Services übernehmen mit leicht zu bedienenden Benutzeroberflächen die Erstellung einer Diashow, den Schnitt eines per Handtelefon aufgezeichneten Videoclips oder die Veröffentlichung persönlicher Gedanken in Textform.

Wer sich nun genauer erkundigt und nachschaut, wem die größten Communities wie Flickr, del.icio.us, YouTube oder Blogger.com gehören, der landet am Ende wieder in der Suchmaske einer der wenigen Suchmaschinen. Schließlich sorgen die Suchgiganten nicht nur für Ordnung, sondern füttern und strukturieren diese mit eigenen Produkten wie zum Beispiel Google per Weblog-Service Blogger.com oder Yahoo! mit dem eingekauften Link-Verwalter del.icio.us. Ohne eine Suchfunktion wären die zusammengetragenen Daten sinnlos. Im Endeffekt findet somit jeder Besuch im Nezt per Suchmaske statt. Die Suchmaske sammelt dabei unsere Wünsche, Absichten, Ängste und spiegelt dadurch auch immer mehr unsere eigene Persönlichkeit.

Die Arbeit der Suchroboter

John Battelle, Mitbegründer und Redakteur von Wired, bezeichnet darum die Summe aller Suchanfragen als „die Datenbank der Absichten“. In seinem wegweisenden Buch „Die Suche“ beweist er, dass die Suchfunktion – egal auf welchem Gerät – die Schnittstelle für das Navigieren in Netzwerken und dem Internet ist. Keineswegs überraschend gestaltet sich dabei die Tatsache, das Suchmaschinen unsere Beziehungen zu den Dingen maßgeblich und immer mehr beeinflussen und verändern. Beziehungen und Zusammenhänge vernetzen und bestimmen in erster Linie die Suchalgorithmen. Verknüpfungen und Informationen über Regierungen, Gemeinschaften, Freunde, Feinde und Noch-Unbekannte entdeckt man in Sekunden. Meistens spielt dabei die Vergangenheit keine Rolle. Exhumierungen längst vergangener Tätigkeiten, ob Diplomarbeiten, Forenbeiträge oder sonstige Aktivitäten sind über die Suche leicht zu finden. Schließlich speichern die Suchgiganten alles, was die Roboter – im Fachchinesisch Crawler genannt – ranschaffen. Archiviertes Material löschen die Maschinen nie, höchstens aus dem für das Publikum zugänglichen Index. Aber auch die Cache-Funktion unterhalb eines jeden Suchergebnisses hinterliess schon auf dem ein oder anderen Gesicht eine frustrierte und angsterfüllte Grimasse. Leicht belebt die Konkurrenz oder wer auch immer mit Hilfe des Cache bereits gelöschte Originaldokumente. Diese zerrt die Suchmaschine aus dem eigenen Datenspeicher zurück ans Licht und gibt Auskunft.

Ich bin drin: Informationsbüro Suchmaschine

Wie machtvoll und erinnerungsstark Suchmaschinen sind, erlebten schon einige Menschen am eigenen Leib – unter anderem auch Google-CEO Eric Schmidt. Eric Schmidt und den Lesern führte die amerikanische Journalisten Elinor Mills in einem investigativen Artikel vor Augen, wieviel persönliche und private Informationen die Google-Suchmaschine über ihn ausspuckte – mehr als auf seiner privaten Webseite stand. Die Veröffentlichung der privaten Fakten gefielen dem CEO in keinster Weise. Noch drastischer fiel jedoch die Suche von Orey Steinmann aus. Der damals 17-jährige entdeckte bei einer Suche, dass ihn seit 15 Jahren der eigene Vater suchte. Die Mutter – bei der er zum Zeitpunkt seiner Suchanfrage wohnte – hatte den Jungen nach entzogenem Sorgerecht aus seiner Heimat Kanada nach Südkalifornien entführt. Google führte den Jungen zu seinen Wurzeln zurück und seine Mutter ins Gefängnis.

Du gegen die Suchfunktion

Im Google-Zeitalter fängt jede neue persönliche Beziehung konsequenterweise mit einer Google-Suche an. Gut wenn man selbst dabei die Suchergebnisse mit eigenen Webseiten fest im Griff hat. Denn wie John Battelle sinnierend feststellt: „Die Lektion ist eindeutig: In den Augen der anderen ist man das, was der Index über einen aussagt.“ Wer diesen Such-Index nicht im Griff hat, wird schnell wieder vom Vater seiner neuesten Geliebten vor die Türe gesetzt. Ohne Google & Co. plus Web 2.0 hätte der zukünftige Schwiegerpapa nie den Weg zum Weblog der Ex samt Schmährufen gefunden. Aber auch die frischeste Bewerbung ignoriert die Personalabteilung ganz schnell, nachdem einer der zuständigen Mitarbeiter die Saufbilder der letzten Junggesellentour auf der Webseite eines Bekannten entdeckt hat. Man sucht sich seine Mitarbeiter letzten Endes gezielt aus.

Aussichtsloser Kampf mit den Suchgiganten

Letzten Endes bleibt die Einsicht: Wer suchet, der findet. Denn selbst wenn man seine eigenen Webseiten mit oder ohne Hilfe von Web 2.0-Services weit oben positioniert, so ist der Rattenschwanz der Ergebnisse lang und ausgiebig. Wer außerdem die Macht der erweiterten Suche schon einmal gespürt hat, verfällt schnell der dunklen Seite und verfolgt Gesuchte bis in die hintersten Winkel des Webs. Ein wenig Entspannung bereitet da nur die Tatsache, dass die wenigsten Benutzer clever Suchparameter und Begriffe zu kombinieren wissen und meist weniger Begriffe als drei in die Suchmaske hacken.

Die hilfreichste Waffe im Kampf mit unerwünschten Suchergebnissen ist am Schluss wohl nur noch ein langweiliger Name wie zum Beispiel Michael Müller. Der erzeugt womöglich genügend Sperrfeuer und hagelt dem Suchenden mehrere Millionen Dokumente als Ergebnis ins Visier. Doof nur, wenn man dann eitel ist und sich selbst nicht mehr findet…