Freie und frische Netlabel-Dub-Sounds aus Leipzig
Wizard of Dub – Digital Laptop Reggae galore!

Auf der diesjährigen Wizard of OS V4.0 Konferenz diskutieren Fachfrauen und -männer aus der ganzen Welt Möglichkeiten freier kreativer Zusammenarbeit. Mittendrin schunkelt uns gemütlich Disrupt auf satten Bässen ein sonniges Grinsen ins Gesicht. Denn der Netlabel-Dub-Star erklärt uns in der Show des freien Wissens nicht nur, warum er seine Musik frei im Netz zur Verfügung stellt, sondern rollt uns außerdem seine Riddims auf der WOS-Netlabel-Night vor die Füsse.

„Wir schreiben das Jahr 2006. 15 Jahre nach Start der GNU General Public License, zehn Jahre nachdem John Perry Barlow die Unabhängigkeit im Cyberspace erklärte und fünf Jahre nach Gründung der Wikipedia.“, so lautet es im einleitenden Informationstext der vierten Wizard of OS Konferenz, kurz WOS4 genannt. Wie vor zwei Jahren auch, verschreibt sich die WOS auch 2006 großen Themen und setzt sich mit dem kulturellen Schaffen in einer zunehmend digitalisierten Welt auseinander. Auf den Panels richten kluge Köpfe den Fokus auf Themen wie die Freiheitsbewegung in den Wissenschaften, die Auswirkungen der voranschreitenden digitalen Medienrevolution und diskutieren wie kulturelles Schaffen und Wirtschaften in einer Welt der Nullen und Einsen möglich ist.

Information möchte frei sein

Einer der größten Möglichkeiten, die uns das Internet und die Mobilfunktechnik bietet, ist nicht nur der kommunikative Austausch über Formen wie Email, Websites oder VoIP, sondern das Teilen und Verteilen kultureller Güter. Seien es Bilder, Musik oder Texte – Kultur lässt sich heute schneller und unkomplizierter denn je über Datenleitungen in die Inbox unseres Nachbarn in Venezuela jagen. Archive wie Flickr, Scene.org, YouTube, Archive.org oder die Wikipedia Enzyklopädie wachsen und gedeihen kontinuierlich. Mit Hilfe elektronischer Werkzeuge wie Laptops, Digitalkameras und einer Vielzahl unterschiedlichster Software-Tools bekommt jeder Bürger die Chance direkt vor die Nase gesetzt, produktiv Kultur mitzugestalten.

Einer dieser Bürger ist Jan Gleichmar. Der 30-jährige Leipziger nutzt nicht nur seinen Laptop zum Musizieren, sondern hob vor zwei Jahren sein eigenes Netlabel Jahtari aus der Taufe. Mittlerweile ist Jahtari aus der Welt der virtuellen Musik-Labels nicht mehr wegzudenken. Kein Wunder also, dass die Macher der WOS4, den Dub-Reggae-Liebhaber für ein Gig auf der Netlabel-Night verpflichtet und den gemütlichen Label-Betreiber zu einem smarten Talk in der Show des freien Wissens eingeladen haben.

Digital-Laptop-Reggae from Leipzig!

Nischen sind etwas wunderbares. Vor allem, wenn man sie als Star besetzt. Noch besser, wenn man sie selbst ins Leben ruft und den digitalen Vertrieb seiner Musik gleich mit in die Hand nimmt. Jan Gleichmar aka disrupt verkörpert diesen modernen Typus eines Musikers, der erkannt hat, wie man das Internet für seine Zwecke nutzt. Angefangen hat alles eher zufällig mit einer MP3-Veröffentlichung auf dem Dresdner Netlabel Phonocake.org. „Zu Beginn wollte ich nur sehen, wie meine Musik anderen Leuten gefällt. Ich war mir über die Qualität nicht so sicher und wusste nicht, ob mein Stil bei den Hörern ankommt. Die Idee war es einfach mal ausprobieren. Da lag eine Veröffentlichung über das Internet sehr nahe.“, konstatiert Jan im Rückblick.

Herausgekommen ist dabei seine erste Internet-EP „For A Fistful Of Dub“, dass war im Mai 2004. Diese zeigte schon damals ziemlich deutlich mit dem Zeigefinger in welche Richtung es in den nächsten zwei Jahren gehen sollte: Dub-Reggae mit einer ordentlichen Portion Bass satt. Anstelle jedoch bereits bestehende Konzepte zu kopieren und erneut wiederzukäuen, schuf sich Jan mit einem eigenen Sound eine eigene Musikecke. Diese nennt er einfach und simpel Digital Laptop Reggae. Die Formel die dahinter steckt ist clever, voller Leidenschaft und lautet: Schnapp Dir die Bassnoten eines geilen Riddims. Oder komponier selbst eins! Verschmilz es dann mit Hitmelodien der 8-Bit-Computer-Generation, die auf Monkey Island Kokosnüsse knackt, im Haus von Manic Mansion wohnt oder wie Giana mit ihrer Schwester auf dem C64er Ziegelmauern zerbröselt.

Als Resultat hört man dann zum Beispiel einen Dub-Reggae-Track wie „Internation Karate“ und spürt die Erinnerung, wie man damals vom kleinen Bruder im Karate-Klassiker auf dem ersten und einzigen Volkscomputer verprügelt wurde.

Aufmerksamkeitsökonomie ahoi!

Beflügelt vom Erfolg seiner ersten Musikveröffentlichung im Web, der Resonanz und den positiven Emails, entschied sich Jan für den nächsten konsequenten Schritt: das eigene Netlabel Jahtari.org. Dieses erlaubt ihm Musik von Freunden, Netzbekannten und Musikern aus der ganzen Welt zu veröffentlichen ohne einen finanziellen Druck zu verspüren. Denn die Kosten für Webspace sind im Vergleich zu einer einzigen Veröffentlichung einer Vinylplatte ein Klacks. Obendrein benötigt ein Netlabel keinen eigenen Vertrieb. Der Distributionskanal ist das Internet selbst und der reicht bis in den kleinsten Winkel von Kirgisien.

Wenn man Jan fragt, warum er Musik als Download verschenkt, dann antwortet er mit einem gelassenen Lächeln: „Musik produziere ich ja eh. Dann kann ich sie auch weiterverschenken.“ Dahinter steckt jedoch viel mehr: Aufmerksamkeitsökonomie. Diese hat ihm nicht nur offene Ohren ermöglicht, sondern bereits zahlreiche Konzertauftritte. Ohne die viralen und kommunikativen Formen des Internets würde Jan übermorgen nicht in Darmstadt, im Frühjar auf der Fusion oder Mitte des Sommer auf dem Elektronisk Jazz-Juice-Festival von Aarhus. Diese Konzerte bereist er gemeinsam mit seinen dänischen Homies Bo Marley und schickt das Volk auf die reaxte Dub-Welle. Bo Marley lernte er übrigens auch über das Netz kennen und die mutierten im letzten Jahr zu seinem heissesten Dub-Gaul. Denn die deutschen Reggae-Tracks mit ihren dadaistischem Texten gehören zu den einmaligsten Songs, die die Netlabel-Szene derzeit bietet.

Ein gemeinsames Konzeptalbum lag da nahe und heute auf dem Tisch. „Bo Marley versus Disrupt“ lautet der Longplayer und wird im Eigenvertrieb über die eigene Website verkauft. „In das Album haben wir unfassbar viel Arbeit reingesteckt. Richtig viel Zeit und professionellen Anspruch. Mit dem Album möchte ich testen, ob die Leute gewillt sind Jahtari und unsere Künstler zu unterstützen. Dafür erhalten Sie eine vollwertige und preiswerte CD mit Cover, Booklet, Lyrics und einem Comic-Button on top.“

Lieber würde Jan natürlich ganz dem Reggae-Codex verbunden Vinyl-Schalplatten veröffentlichen, aber auch an dieser Schraube dreht der Musikliebhaber derzeit. Geplant sind daneben natürlich weitere Internet-Veröffentlichungen und CD-Compilations auf denen Reggae-Legenden wie Mikey Mourka oder der angesagte Afrika Simba aus London toasten und singen. Bis dahin schmunzeln wie aber noch über die wundervollen Texte von BO Marley. Würden Redakteure deren Album-Hit „Fleisch“ unter einen Bericht des derzeitigen Gammelfleisch-Skandals legen, BO Marley würden ungelogen die Charts stürmen. Zum Glück lässt sich der Song auch ohne Radio und Fernsehen anhören. Wo? Auf Jahtari.org natürlich :)