Rückblick
Wie sich mein Zugang zur Musik in den letzten 10 Jahren verändert hat
Ein persönlicher Rückblick auf zehn Jahre Musikkonsum, Musikjournalismus und Netlabel-Kultur
Prolog
Erinnert sich einer von Euch noch an eine Zeit, in welcher man nach Musik dürstete? Erinnert sich einer von Euch noch an eine Zeit, in welcher Musik nicht aus dem Internet, wie Wasser aus der Leitung floss? Als Jugendliche legten wir unser hart gespartes Geld zu mehreren zusammen, um einem Freund zum Geburtstag eine CD von Culture Beat mit Mr. Vain drauf zu kaufen. Das Füllmaterial zwischen den Hits mussten wir mitkaufen und mitbezahlen. Download à la carte gab’s nicht. Ein persönlicher Rückblick von mo. von Phlow.
Das Schürfen nach Gold
Auch während meines Studiums änderten sich die Verhältnisse nicht wirklich. Drei CDs pro Monat waren drin, der Rest meines Geldes wurde für Hardware zur Musikproduktion tapfer gespart… Darum habe ich auch nie Vinyl gekauft. Schade eigentlich.
Besonders geärgert habe ich mich damals über Doppel-CD-Alben, die auf der zweiten CD einfach noch einen Mix des DJs dazulegten. Das bedeutete oft 10 DM extra für eigentlich Nichts. Denn mir lagen die Originale am Herzen, nicht der Mix. So kostete eine CD wie »Torque« der Techstep-Bande um Ed Rush (http://www.nouturnrecords.co.uk/) herum um die 40 DM! Wer würde heute noch für Mixe Geld ausgeben? Absurd aus heutiger Sicht angesichts von Mixcloud & Co.
Die erste heftige Konsumwelle
Als ich 2000 über einen Zufall dann in die New Economy rutschte, wurde ich urplötzlich Online-Musikredakteur. Während Investoren ein Millionengeschäft witterten, war ich nur ein Rädchen im Getriebe, das die Goldnuggets aus dem Internet schürfen sollte. Mein Kernbereich war die Plattenabteilung von popkomm.de. Es war subventionierter Musikjournalismus vom Feinsten.
Der Eintritt in den professionellen Musikjournalismus – eine Form des Geschmacksjournalismus – änderte als Momentum radikal meinen Zugang zur Musik. Plötzlich stapelten sich CDs auf meinem Tisch und ich durfte mir bei den Promotussis alles bestellen. Von den abgefahrensten Experimentalplatten bis hin zu klebrigem Pop rutschte alles über meinen Tisch und ich durfte mir die Rosinen rauspicken. Die Gier nahm kein Ende, bis ich nach zwei Jahren überfressen auf dem harten Boden der Arbeitslosigkeit landete. Die Internet-Blase war geplatzt, die GmbH auch. Und die Investoren schütteten unseren Bergstollen zu. Gold gab es hier scheinbar nicht zu finden… Es war eine schöne Zeit, eine noch schönere folgte…
Die Inflation nimmt ihren Lauf
Irgendwie tat das gut, dieser Quasiabsturz. In Hochzeiten schrieb ich 10-15 Rezensionen im Monat. Von mindestens 70 Alben, die ich an die anderen Redakteure und freien Schreiber verteilte. Mit dem Neuanfang als Selbstständiger, sortierte ich meine Plattensammlung neu und hörte in Ruhe noch einmal in zahlreiche Alben rein. Bestimmt habe ich in den zwei Jahren als Musikredakteur um die 500 CDs ins eigene Regal gestellt. Maximal 100 haben es wirklich verdient, Album genannt zu werden. Und maximal 30 wurden zu heißgeliebten Evergreens.
In den kommenden Jahren ab 2003 blühte dann mein kleiner Web-Bauchladen Phlow langsam auf und es verschlug mich immer mehr in die DIY-Musikkultur, heute vielen als Creative Commons-, Netlabel- oder auch Netaudio-»Szene« bekannt. Auch hier packte mich wieder der Ehrgeiz und ich fing erneut an, Rezensionen zu schreiben. Gemeinsam mit meinem Buddy Sven Swift rockten wir dann voll durchorganisiert gemeinsam Phlow-Magazine.com in (D)Englisch von Ende 2007 bis 2010.
Inflationär war, was ich mir in der Zeit an Alben, EPs und Sounds gezogen habe. Und noch inflationärer war der Schrott, den ich mir Gigabyte-weise antat. Niemals zuvor liebte ich die Skip-Taste so sehr. Erstaunlich, wie wenig Selbstachtung manch ein (Möchtegern-)Musiker bei der Veröffentlichung hat.
Musik mit Geschmack
2010 ist ein Jahr, in welchem ich Phlow-Magazine.com erst einmal zur Ruhe geschickt habe. Einerseits haben Sven Swift und ich die Idee eines CC-Musikblogs ziemlich ausgereizt, andererseits bin ich müde, Musik nach Lizenzen zu hören. Und dann gibt es da noch Ida und Ari, Projekte ganz neuer Art, die mich und Sven abhalten, das Rad weiterzudrehen. Abgesehen davon muss ich auch gestehen, dass Creative-Commons-Musik nicht das Gelbe vom Ei ist… Nur gelegentlich. Viel zu oft zerstört eine fehlende Professionalität und der Wille, höchstmögliche Qualität zu liefern, den Genuss.
Auch habe ich jahrelang vergeblich auf Drum’n’Bass-Netlabels gewartet, die dicken Sound regelmäßig raushauen. OK, da gibt es Plainaudio.com, aber das war’s. Oder wo finde ich außer bei Budabeats knackige, groovige Downbeats? Auch smarten House jenseits von stumpfem Berlin-zentriertem mnml oder glitzernder Disco findet man so gut wie gar nicht… Ganz zu schweigen von Jazz.
Darum höre ich immer weniger in die CC-Musikwelt hinein. Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik. Ich erwische mich immer häufiger, wie ich lustvoll alte Klassiker ausgrabe. Und ich kaufe Musik wieder: online. Weil es bequem und unkompliziert ist. Weil ich gerne Musiker unterstütze, die Qualität produzieren. Weil Labels, die Geld investieren, in der Regel mehr darauf achten, was sie in ihren Backkatalog einreihen. Nieten, richtig schlimme musikalische Verbrechen findet man bei seinen Lieblingslabels wie Tokyo Dawn, Shogun Audio oder wie sie alle heißen, einfach nicht.
Und dann gibt es ja auch noch die wunderbare Empfehlungskultur – Freunde und Blogger wie P3t3r. Freunde kennen den eigenen Geschmack. Und empfehlen erstklassige Musik und verschwenden nicht meine Zeit. Oder sie mixen gleich einmalige Sets wie z.B. Matthias Gutjahr ehemals (www.numblog.de) oder Mango Aioli (www.mango-aioli.com) und laden den »Scheiss« auf Mixcloud, Soundcloud oder in irgendeine andere Wolke hoch. Schließlich will niemand die Zeit der Freunde verschwenden. Danke dafür!