Bericht
Typo Berlin 2006 und Kalle Lasn versus the Glitz

Die Typo Berlin 2006 fing fulminant an. Den Einstieg, auch Keynote Speech genannt, machte Mister Adbuster Kalle Lasn. Man hatte sich nicht zu viel erwartet vom Revoluzzer der Werbung und wurde ganz in den Bann des 64-Jährigen gezogen. Sanft, locker und unglaublich warmherzig hielt er sein Plädoyer für einen kritischeren Umgang mit der Werbung und die Chancen von Designern.

In einer Präsentation mit Spannungsbogen, harten kritischen Worten und einem trotzdem positiven Ausblick wandte sich Kalle Lasn in erster Linie an die jungen Studenten. Seine Hauptthese, dass die Moderne eigentlich eine Zeit der Angst ist, unterstrich er mit der Tatsache, dass heute alles schön verpackt, ästhetisiert und aufgemotzt wird. Alles ist schön und wir leben in einer Konsum-Utopie. Ob Werbung für umweltverschmutzende Energiekonzerne oder Modekonzerne, die in Quasi-Konzentrationslagern ihre Schuhe und Mode herstellen lassen, alles ist schön und ohne Nachteile.

„Modernism fucked us up!"

Diese Angst, so Lasn, ist ein konstantes Nachbeben des Zweiten Weltkriegs. Nach der Zerstörung folgte der Wunsch nach Harmonie, der bis heute anhält. Doch Harmonie bedeutet nicht sinnlose Unreflektiertheit. Schönheit, von Designern erzeugt, entpuppt sich häufig vielmehr als Verpackung, Verstecken und Übergehen von Tatsachen. Zum Beispiel der Tatsache, dass wenige Menschen auf unserem Erdball die Hauptressourcen von allen verschlingen. Dass die westliche Bevölkerung die Umwelt knechtet und missbraucht, ist selbstverständlich keine neue Tatsache, und jammern kann man lange und immer wieder. Aber …

Glücklicherweise umschiffte Kalle Lasn ruhig pathetische Allerweltssprüche und versuchte in seiner Ansprache im Besonderen zu sensibilisieren und zu motivieren. Dabei analysierte der Designer nicht nur, sondern bot auch eine Möglichkeit von vielen an. Sein Werkzeug nennt er Psycho-Design. Ein Beispiel von Psycho-Design ist unter anderem ein Energiezähler für Strom, der nicht versteckt im Stromkasten verweilt, sondern stets sichtbar am Ausgang der Haustüre angebracht ist. Eine bekannte Designerin von Lasn konnte diesen Zähler bereits ausprobieren, und nach Lasn reduzierte sich der Energieverbrauch des Mehrparteienhauses um 30 %. Psychodesign versucht, den Menschen aufmerksam zu machen, ihn subtil auf Dinge hinzuweisen und ihn im positiven Sinne zu erziehen und vielleicht auch zu manipulieren.

Kalle versus the Glitz

Ein großes Manko der westlichen Kultur ist der Verlust der menschlichen Anbindung an die Natur. Nach Kalle Lasn haben wir den Bezug zur Natur, „dem größten Designarchitekten", verloren. „Touristen kommen nach Kanada, um unberührte Natur zu sehen", konstatierte er nüchtern und doch erstaunt. Natur als „undesigned space" bietet jedoch tiefgründige Erfahrungen, die Designer und Menschen im Allgemeinen bewegen und verändern. Diese Verbindung ist auf vielen Ebenen abhandengekommen, und wirkungsvolles Design im Einklang mit der Umwelt findet man selten. Der Abstand zwischen Mensch und Natur, zwischen Designer und Natur, so liegt nahe, ist einfach zu groß und muss erneuert werden.

Mit Kalle Lasn hat die diesjährige Typo Berlin 2006 ein wunderbares Zeichen gesetzt, um der Identitätskrise des Designs einen Gegenschwung zu verpassen. Nach Lasn sind Designer „Verpacker von Information". Designer haben in seinen Augen das Potenzial, Aufmerksamkeit zu lenken, Trends zu setzen. Denn Designer bilden die Riege der Menschen, die einem Medium seine Form geben und Meinung gestalten. Nach Jahren des Pixel-Schiebens und einer Periode der „corporate slaves" wünscht sich der engagierte Weltenbummler von der Gilde der Designer mehr Mut und eine größere Kritik gegenüber der Welt des „Glitz". Denn Design sollte auch immer an die Verschmutzung und den Verbrauch erinnern und nicht die Dauer-Utopie des Konsums ankurbeln. Ganz nach dem Motto „First Things First!" müssen viele Schalter in unseren Köpfen umgelegt werden. Und erste Anzeichen sieht Kalle Lasn schon heute … besonders bei jungen Menschen.

Dank des Internets findet Ihr zahlreiche Folien der Präsentation auf Flickr. Mehr zu Kalle Lasn liest man auf http://www.adbusters.org.