Podcasting: Freie Inhalte und die Zukunft des Musikvertriebs

Kus von Starfrosch ist einer der Hauptschrauber, wenn es darum geht Podcast für die Netlabel-Szene nach vorne zu bringen. Engagiert wird da an den Servern gebastelt, neue Konzepte für aufkommenden massiven Traffic entwickelt und in die Wundertüte der Web-Technologie gegriffen. Aber nicht alles glänzt, was mit Podcasting zu tun hat. Wir haben mal nachgehakt und einiges über Bittorrent, Coral und Co. erfahren.

mo.: Du spezialisierst dich und die starfrosch-Community maßgeblich auf Podcasting und vor allem um die Servicemöglichkeiten, Podcasting für die Netlabel-Szene zu nutzen. Was treibt dich an? Hast du ein wirtschaftliches Konzept, das du verfolgst oder warum engagierst du dich so sehr?

Kus: Mein Forscherdrang, Spieltrieb und meine Passion für Musik und Menschen sind mein Antrieb. Neues entdecken, ständig an Grenzen stoßen und dabei gleich gesinnte Menschen zu treffen, irgendwie spannend. Manchmal drückt auch der Revolutionär durch und ich bin dann einfach nur wütend und wünsche mir eine Dezentralisierung von Macht, mit mehr Einfluss der Künstler auf ihren Musikstil und will konstruktiv Möglichkeiten für diese schaffen, gehört zu werden.

Es ist macht Freude Starfrosch betreiben zu können, ohne von Anfang an ein wirtschaftliches Konzept im Hinterkopf zu haben, welches mich eher stressen würde als zu beflügeln. Das Projekt reift langsam, immer mehr qualitativ hoch stehender Sound wird von den Netlabels veröffentlicht und die

Besucherzahlen steigen konstant. Doch genau diese Besucher drängen längerfristig zu neuen Konzepten. Anfang des Jahres waren es Fixkosten von sFr. 9.9-/Monat, jetzt bin ich bei sFr. 99.-/Monat, die vier bis acht Stunden tägliche Arbeit ignoriere ich einfach mal. Längerfristig muss ich über wirtschaftliche Konzepte nachdenken, damit der steigende Aufwand gedeckt und der Service aufrechterhalten werden kann.

Podcasting und vor allem auch die in iTunes integrierte Podcast-Abo-Funktion haben einiges Killer-Potenzial. Killer-Potenzial vor allem deswegen, weil durch massive Download-Zahlen der Traffic eines Podcasters urplötzlich in ungeahnte Höhen steigen kann, wenn er beliebt ist. Das kann selbst bei niedrigen Enkodierungen zum Exitus und zu hohen Server-Kosten führen. Wie siehst du die Gefahr? Gibt es Konzepte dagegen?

Podcasting mit iTunes lässt die Traffic-Kosten definitiv explodieren. Kleineren Netlabels haut es die Traffic-Kosten und Server buchstäblich, um die Ohren. Die Kosten für den Download müssten gerechter auf die Zuhörer verteilt werden können, wer Inhalte und Services nutzt, sollte auch zu Verfügung stellen. P2P Netzwerke wären der ideale Ansatzpunkt. Wir machen automatisch sämtliche Musik im Bittorrent Netzwerk verfügbar, der Erfolg ist bis jetzt bescheiden, vor allem darum, weil iTunes dies nicht unterstützt. Scene.org scheint die Tore für neue Netlabels leider geschlossen zu haben. Die alte Dame archive.org leistet weiterhin gute Dienste, doch leider ist die Reaktionszeit nicht besonders hoch, für Podcasting spielt dies zum Glück keine große Rolle.

Bevor gestreamt werden kann lässt sich der europäische Archive.org Redirector sekundenlang Zeit, die meisten Benutzer werden die Geduld nicht haben. Vor einigen Wochen viel der Redirector fast vollständig überlastet aus, die Netlabels und andere Benutzer haben direkt auf die Audio Server verlinkt und damit das Loadbalancing umgangen. Als Folge davon fielen auch die Audioserver aus. Ein direktes Linken auf die Audioserver ist nicht wünschenswert, obwohl es dem Benutzer kurzfristig gesehen hilft.

Im zweiten Teil erklärt Kus uns dann den Vorteil von Coral und mögliche Alternativen eines peer-to-peer Netzwerk für die Netlabel-Szene.

Coral – peer-to-peer Netzwerk für die Netlabel-Szene

Ein interessanter Ansatz verfolgt Coral. Selbst Netlabels mit klitzekleinen Servern, werden in die Lage versetzt ein großes Publikum zu erreichen.

Technisch lässt sich vieles realisieren, die größte Gefahr besteht jedoch, dass die Musik ihren Kontext verliert und zum anonymem Konsumgut wird oder einfach auf der Platte ungehört liegen bleibt. Beim jetzigen Stand von Podcasting besteht die Chance darin, typische 30 Minuten Radioshows zu produzieren, um Kontext mit der Musik transportieren zu können. Schaut jemand in iTunes woher die Musik stammt? Oder wird die Musik zu iTunes Musik und verliert sie sodann ihren Bezug zum Künstler?

Was ist Coral und wie funktioniert die Technik dahinter?

Coral http://www.coralcdn.org/ ist ein offenes peer-to-peer Netzwerk, welches die Last auf zur Zeit 260 DNS und Proxy Server weltweit verteilt. Es ist ein Forschungsprojekt der Secure Computing Group

http://www.scs.cs.nyu.edu/ . Finanziert wird es von der National Science Foundation als Teil des IRIS Projekts http://www.project-iris.net/ . Das System ist in der Lage Attacken abzufedern und kann hohe Belastungen, wie sie beim Podcasting auftreten abfangen. Im Hintergrund denkt das MIT mit. Alles in allem: Pretty cool. Zum Glück muss man sich dabei nicht, um die Technik kümmern die dahintersteckt. Für Netlabels ist es ideal und sehr simpel anzuwenden.

Ein Beispiel ohne Coral http://www.netzlabel.org/003/track001.mp3

Jetzt mit Coral, coralized http://www.netzlabel.org.nyud.net:8090/003/track001.mp3

Beim ersten Zugriff auf http://www.netzlabel.org.nyud.net:8090/003/track001.mp3 wird die Datei auf die Proxy Server verteilt und bei jedem weiteren Zugriff wird dem Benutzer die Datei vom nächstgelegenen Server geliefert. Es erfolgt nur noch alle 12 Stunden ein Zugriff auf den Netlabel Server, die Datei wird gecached, dies erspart Kosten. Darum setze ich das bei uns für die Download, Feeds, Bilder und Streaming ein, auch wenn wir dadurch in den Netlabel Statistiken kaum mehr auftauchen. Die Nutzerdaten wandern zu Coral.

Bei Textone bin ich zum ersten Mal darüber gestolpert, bei den ersten gefroggten Netlabels habe ich mich wieder daran erinnert und es in einer Nacht und Nebelaktion eingebaut. Streaming wird von Coral offiziell noch nicht unterstützt, aber es funktioniert trotzdem akzeptabel.

Podcasting - vor allem Netlabel-Podcasts - sind kostenlose und bieten ihre Inhalt frei an. Das ermutigt zum Saugen und stapeln von MP3s. Ich behaupte, dass viele der so genannten »Leecher« die Musik oftmals gar nicht hören, sondern nur sammeln und womöglich irgendwann löschen. Siehst Du das nicht als Gefahr für ein Ausbluten durch Traffic-Kosten? Und wie könnte man solchen Problemen begegnen?

Die Gefahr des Ausblutens besteht. Ich denke aber, dass eine gefüllte Festplatte längerfristig niemandem nützen wird, früher oder später wird der gierigste Benutzer merken, dass ihn seine eigene Gier auffressen wird. Bis dahin hilft Coral oder Sharing mit Bittorrent. Endlich gibt es mal was legales auf Torrente. Die Podcasts kostenpflichtig zu machen, wäre ein anderer Ansatz. Ich bin bereits auf professionelle Dienste gestoßen, die unsere Podcasts abonnierten und dann dem Zuhörer verkauft haben. Ich hoffe nicht, längerfristig die Podcasts kostenpflichtig anbieten zu müssen und nur noch auf vierseitigen Antrag hin den Diensten Zugriff auf unsere Podcasts erteilen zu können.

Apple hat eigenmächtig das RSS 2.0 Format, dass eigentlich für Podcast vorgesehen ist, aufgebohrt und einfach mit neuen Tags und Attributen angereichert. Was hältst Du als Techniker davon und was denkst Du über dieses arrogante Verhalten? Waren und sind diese neuen Features nötig oder nur für Apple positiv? Gibt es einen Mehrwert für die User? Und was muss man tun, um seinen Podcast aufzurüsten?

Apple beweist damit nur, dass sie das RSS 2.0 Format nicht verstehen. Viele iTunes Tags bringen keinen Mehrwert, Information wird redundant geführt und die von Apple herausgegebene Spezifikation ist zusätzlich fehlerhaft. Es ist ein Zwang diesen Müll einzubauen, wenn man seine Feeds in iTunes einigermassen schick mit Bild und Text anzeigen will. Hier die Spezifikation http://wiki.podcast.de/ITunesSpecial

Wordpress Benutzer sollten sich das egoTunes Podcast Plugin zu Gemüte führen http://www.garrickvanburen.com/wpipodcatter/

Plant Ihr einen weiteren Ausbau Eures Angebots und was steckt in der starfrosch-Überraschungstüte für die weitere Zukunft?

Fragen die uns zur Zeit beschäftigen: Wie können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen Netaudio hören können? Welche Medien können wir dazu einsetzen? Wie bringen wir die Musik in den geeigneten Kontext? Wie können wir dafür sorgen, dass Geld ohne großen administrativen Aufwand zum Künstler gelangt? Wie können wir Menschen mit gleichartigen Ideen vernetzen? Wie kommen wir zu Geld, um das Projekt längerfristig finanzieren zu können?

Auf alle diese Fragen sind Lösungsansätze angedacht oder bereits in der Umsetzungsphase. Meine persönliche Lösung: eine Papier Agenda, die ich noch nicht benutze.

Hey Kus, danke für das Interview!