Netlabels - Die heimliche Musikvertriebsrevolution
Die globale Vernetzung via WWW wirbelt in den letzten Jahren massiv die Industrie und Musikszenen durcheinander. Mit dem leisen Boom der Internet-Labels, hochentwickelter Mix-Software und nicht zuletzt dank preiswerten Webspaces bahnt sich eine leise Musik-Revolution an.
Text: Moritz »mo.« Sauer
Fotos: Dirk »[in]anace« Murschall
Seien wir doch einmal ehrlich! Die CD als Format stirbt und wenn es je einen »wahren« Kopierschutz gab, dann war dass das von DJs heissgeliebte Vinyl. Denn auch wenn der Download von rechtlich geschützten Musikwerken verboten ist, die File-Sharing-Börsen rappeln wie eh und je. Außerdem laufen immer mehr Menschen mit tragbaren Festplatten in Gigabyte-Größe herum, ob als MP3-Player oder als Speichermedium per se. Musik bahnt sich seinen Weg immer mehr über digitale Bahnen, die Menschen bezahlen für Musik immer weniger und Alben und EPs werden wohl in Zukunft immer mehr zum Promotion-Werkzeug für den eigenen Gig, den eigenen DJ-Abend. Diesen Weg haben auch viele Netlabels erkannt und vertreiben die Musik ihrer Künstler kostenlos via Web. Dabei fusst die Netlabel-Kultur mit ihren Anfängen in der Demoszene, aber eins nach dem anderen…
Am Anfang war das Format…
Die ersten Grundweichen für den Austausch von Musik auf elektronischen Wegen legte Karsten Obarski. Er entwickelte das Sequenzer-Programm »Ultimate Soundtracker« für den Amiga. Mit Hilfe des »Ultimate Soundtracker« konnten Computer-Freaks leicht 8-bit-Mono-Samples auf vier Spuren arrangieren. Dabei setzte man die Samples in Form von Noten auf die einzelnen Spuren und das Programm pitchte die Samples.
Dadurch veränderte sich die Tonhöhe und mit Hilfe eines Sounds ließen sich somit Melodien komponieren. Ähnlich wie bei Rebirth oder Reason wurden die jeweiligen Musik-Stücke in einer Datei gespeichert. Diese endete auf ».mod«, die Abkürzung für Module. In den Modules waren alle Songdaten der Tracks, Noten als auch Sounds in Form der Samples gesichert. Somit ließen sich die Songs auf Diskette abspeichern und an Freunde sowie Interessierte verteilen. In der Regel wurden die .mods wiederum via Ultimate Soundtracker geöffnet. Dadurch bekam jeder einen direkten Einblick in das Musikstück sowie seinen Aufbau und verfolgte den Ablauf wie auf einem Notenblatt. Das Module-Musik-Format war wohl das erste richtige Open Source Musik Format.
…und dann kam die Leitung.
Da die .mods durch das Format relativ klein gehalten wurden, stand ihrer Verbreitung nichts im Wege. Vor allem ab 1990, in welcher die Zeit der BBS-Mailbox-Szene aufblühte, tauschten die Musiker und Fans ihre Lieblings-.mods gerne schon via Telefonleitung. Mit der Entstehung des Internets nach 1994 verlagerten sich dann langsam die Kommunikations- und Distributionswege.
Um 1997/1998 entstanden dann die ersten Netlabels, die die Musik in Form der .mods zur freien Verfügung zum Download anboten. Vor allem der FTP-Server ftp.scene.org, wurde und wird heute als Umschlagsplatz der Szene großartig genutzt. Er gab den ersten Netlabels einen ordentlichen Schubbs nach vorne.
Erst mit der stetig und nicht aufzuhaltenden Verbreitung des mp3-Formats bahnte sich der langsame Untergang an. Zwar können Surfer noch heute jede Menge .mod- und auch .sid-Files - .sid ist das Commodore 64 Musik-Format - aus dem Netz fischen und mit Hilfe von Programmen wie Winamp abspielen. Doch Musiker und Netlabels umarmten das soundtechnisch bessere Audio-Format und vertreiben in der Regel heute jegliche Musikstücke via mp3.
Zwischen Kitsch und Aphex-geschnetzeltem
Das wohl bekannteste und auch heute noch sehr aktive Netlabel Monotonik, unter www.mono211.com erreichbar, setzte als eines der Ersten auf den Fraunhofer Algorithmus. Für viele Modem-Benutzer war das zu Zeiten als ISDN noch als purer Luxus gehandelt wurde, ein Schlag in den Nacken. Doch für die Musiker, die auf neue Software und Hardware umgesattelt hatten, war es nur die logische Konsequenz und Weiterentwicklung für ihren Sound.
Musiktechnisch konzentriert sich das Label auch heute noch hauptsächlich auf IDM (Intelligent Dance Music) und der Backkatalog ist mittlerweile auf über 1.3 Gigabyte an mp3s angewachsen. Von Knochenbrecherbreakbeats im Stile von Squarepusher & Co bis hin zu melodiös-opulenten Songs von Lackluster, dem Lieblingsexport von Monotonik, findet man so einiges. Manchmal pumpt sogar auch eine 4-on-the-floor.
Der Aufstieg und Fall der mp3-Portale
1997 folgte dann der Siegeszug der mp3-Portale und allen voran mp3.com. Während an der Börse die Aktienpapiere durch die aufkommende Internet-Hysterie in schwindelerregende Höhen getrieben wurden, bot mp3.com seinen Künstlern ein großartiges Promotion-Tool an. Mit Hilfe eines kostenlosen Accounts konnten Musiker so viele ihrer Musikstücke wie sie wollten der Online-Welt zur Verfügung stellen. Jeder Künstler durfte sich seine eigene Artist-Page zusammenstellen samt Bio, Bilder und Discografie - falls vorhanden.
Dank der rasanten technologischen Entwicklung erlaubte das Portal später sogar die Möglichkeit, den Fans On-Demand-CDs anzubieten. Das bedeutete, dass Künstler aus ihrem Katalog an hochgeladenen mp3s eine CD samt Artwork zusammenstellen konnten. Surfer und Fans konnten die CD mittels Checkkarte bestellen, bezahlen und geschickt bekommen.
Doch die Traumblase hielt nicht lange und zerplatze. Denn das Geld wurde knapp, ein Rechtsstreit mit der Musikindustrie schwächte das aufblähte Portal und der massive Mangel an Qualität vertrieb die Musikliebhaber.
Portal vs Netlabel vs Record Label
»Ich mag Netzmusik, weil ich die Idee mag, Musik von Künstlern, ohne Umwege Menschen zur Verfügung zu stellen, die Lust auf Musikhören haben.« [in]anace/ www.subsource.de
mp3.com ist schon lange verkauft, die Artists vertrieben und auch ähnliche Portale wie besonic.com oder vitaminic.com haben längst ihren Charme verloren. An ihre Stelle treten kontinuierlich die Netlabels. Vor allem die akkuraten Preise der Webhoster für benötigten Webspace und entstehenden Webtraffic geben den privat betriebenen Labels geben den Musikvertreibern immer mehr Möglichkeiten an die Hand. Auch die abermalige Unterstützung des FTP-Servers von www.scene.org und die Möglichkeit mp3s in das Webarchiv von www.archive.org zu stellen, erlaubt die massive Distribution der Download-intensiven mp3s.
Wie bei einem Record Label auch bietet ein Internet Label dem Künstler ein familiäres Umfeld. Da Portale wie Majors funktionieren und unterschiedliche Genres und Artists vertreiben, schaffen sie sich keine wirkliche Identität. Deswegen können sie ihre Künstler auch nicht zielgruppengerecht promoten.
Dahingegen richten sich Internet- und Recordslabels mit ihrer Struktur und Ideologie meist an ein (Nischen-)Publikum. Neue Künstler reihen sich nahtlos in den Backkatalog ein. Außerdem entpuppen sich die Newsletter der Netlabel nicht als Spam-garnierte Werbezettel, sondern informieren den Musikfreak nur über neue aktuelle Themen.
Die einzigen Unterschiede zum herkömmlichen »Hardware«-Label sind in der Regel: keine Künstler-Verträge, keine Verpflichtungen seitens der Labelbetreiber, keine physikalischen Veröffentlichungen und wohl auch in Zukunft nicht wirklich viel Geld. Wenn dann nur durch Merchandise, Spenden und Konzerte.
HiFi is Paramount
Ein großer Vorteil der Netlabels zeichnet sich in der Möglichkeit aus, selbst abwegigstes Material zu veröffentlichen. Da man eigentlich kein Kapital in den Sand setzen kann, ermöglicht die preiswerte Lagerung im virtuellen Raum ein großartiges Experimentierfeld. Das kann natürlich auch gewaltig schief laufen, weil abnehmende Release-Qualität dem Surfer genügt, um nicht wiederzukommen. In keinem anderen Medium wie im Web geht das Publikum schließlich seine eigenen Wege. Das nächste Universum ist schließlich nur einen Klick entfernt. Deswegen ist Qualität ausschlaggebend, um die Fangemeinde zu erhalten.
Nur noch eine Frage des Formats…
Unter den Netlabels gilt mittlerweile eine Bitrate von 192kbps als Pflicht-Qualitäts-Merkmal. Trotzdem bleibt immer noch die Frage des Formats: mp3 oder Open Source Format OGG Vorbis? Freigeister, die auf das Open Source Format setzen, müssen sich natürlich klar machen, dass sie hiermit Publikumsanteile verlieren. Denn leider spielen immer noch die meisten Hardware-mp3-Player das Open Source Format nicht ab.
…denn dann kommen Emails aus Chile,…
…Festivals und internationale Treffen. Denn das Web verbindet, ermöglicht den Austausch und bietet ein potentielles Millionen-Publikum. Neben Fanpost selbst aus dem hintersten Winkel der Erde entstehen zwischen den Netlabels immer größere Freundschaften.
Anfang 2005 war da zum Beispiel das wunderbare Treffen in der Schweiz auf der Netaudio05. Das schweizer Team um das Web-Portal www.starfrosch.ch hatte nämlich zu Tisch in den Kulturhallen der Dampfzentrale zu Bern gebeten. Neben vielen schweizer Netlabels, waren auch zwei deutsche Labels vertreten. Wie Ritter um eine Tafelrunde stellten die Labels sich, ihre Künstler und ihre Ideen an kleinen Cocktailtischen vor. In Angesicht zu Angesicht diskutiert es sich eben besser und das Publikum war begeistert.
Noch einen Schritt weiter ging das www.netstockfest.net, dass das erste Netaudio Festival seiner Art mit ausschließlich im Netlabel-Bereich agierenden Künstlern war. Zugeschaltet aus den unterschiedlichsten Teilen der Erde, musizierten und dj-ten die Künstler in einem virtuellen Raum. Über Chat-Räume bekamen DJs und Musiker direkte Reaktionen zu ihren Live-Sets, die sie aus dem Eigenheim oder Studio via Open Source Streaming-Server zum Hauptrechner schickten. Martin Wisnowski, Label-Chef von www.2063music.de und seine Freunde aus Kaiserslautern streamten gleich aus dem umliegenden Park der Universität. Ein Sound-Picknick, dass wohl seinesgleichen sucht.
Ein Blick in die Zukunft
Das Thema Netlabel wird in der Zukunft weiter wachsen. Schon ein Blick in den kontinuierlich wachsenden Netlabel Catalogue unter www.netlabels.org beweist das. Dabei werden aber auch die bisher konventionellen Labels immer mehr einen Blick auf virtuelle Releases werfen, angesichts sterbender Formate wie die CD.
Sicherlich wird auch eine starke Trennung zwischen Hobby-Labels und »ernstgemeinten« Labels stärker voranschreiten. Denn sicherlich wünschen sich auch viele Labels nicht nur Ruhm, Glanz und Respekt, sondern auch einen finanziellen Erfolg für ihre Künstler, der deren kontinuierliches Treiben unterstützt. Es bleibt spannend!
Wertvolle Ressourcen:
www.phlow.net - Magazin für Musik und Netzkultur
www.netlabels.org - Netlabel-Verzeichnis
www.interjamp.com - Radiosendung als mp3 mit Interviews von Netlabel-Betreibern und -Künstlern
www.debug.de - Reviews (Reviews/ Netaudio)
Über den Autor:
Moritz »mo.« Sauer ist Journalist, Web-Designer und DJ. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der weltweiten Netlabel-Szene und ist der verantwortliche Herausgeber des E-Zines www.phlow.net. Außerdem betreut er den Netlabel Catalogue www.netlabels.org, ein Netlabel-Verzeichnis im Wiki-Gewand und veröffentlicht gemeinsam mit Marcel Kamps die Download-Radio-Show digital Phlow www.phlow.de/dp/.
mo.‹s persönliche Favoriten:
www.tokyodawn.org [Soul, HipHop]
www.hippocamp.net [Electronica]
www.miasmah.com [Ambient, Downbeat]
www.realaudio.ch [Ambient, Breaks, Techno]
www.thinnerism.com [DubTechno]
www.subsource.de [Netaudio DJ-Mixe, Ambient]
mo.‹s netaudio favorites ep/lp
Sudio - Soulstrip [www.ideology.de]
Cuebism – Circles EP [www.ideology.de]
Lukas Nystrand – The Fruit Of Hard Work [www.tokyodawn.com]
Various – Light House Apartement[www.miasmah.com]
Batfinks - Peach Route EP [hippocamp.net]
Marko Fürstenberg - Gesamtlaufzeit [www.thinnerism.com]
Mentz – Relocate EP [www.tokyodawn.com]
Benfay - One Touch Button Music [www.thinnerism.com]
Paul Keeley - Rocky Mountain Funk [www.epsilonlab.com]
Emilsson - Another [www.heavy-industries.net]