Buchkritik
72-dpi Anime: Dots in Motion

»72-dpi Anime« aus dem Die-Gestalten-Verlag ist schon ein wenig älter und erschien bereits im November 2001. Es dokumentiert als reichhaltiges Web-Dokument in Print- und DVD-Form die verwischte Grenze zwischen Videoclips, Flash-Sites und Web-Ästhetik.

Der Die-Gestalten-Verlag veröffentlicht seit dem Techno-Guide Localizer 1.0 herausragende Bücher zum Thema Design. Intelligent entdecken und picken sich die Verleger besondere Arbeiten interessanter Künstler (z.B. François Chalet) oder Grafik-Agenturen Grafik-Agenturen (z. B. Bureau Destruct, House Industries) heraus oder fokussieren auch einmal einen regionalen Stil wie z.B. bei »Swiss Graphic Design«.

Mit »72-dpi Anime« erschien 2001 ein konsequentes Update des Vorgängers »72-dpi«, das ausschliesslich in Buchform erschien, die meisten Websites sind schon lange aus dem Netz verschwunden.

Bei ›72-dpi Anime‹ richtet sich der Blick diesmal vor allem auf die dynamische Welt des bewegten Bildes. Was die Herausgeber beim ersten Teil vergessen hatten, nämlich die unterschiedlichen Sites einzufrieren, um sie auf einer CD-ROM zu dokumentieren, wurde diesmal hervorragend umgesetzt. Betrachtet man noch einmal den alten Band mit seinem aufwendigen Druck und möchte daraufhin die originalen Sites besuchen, so findet man zwar oft die jeweilige Homepage, stellt aber enttäuscht fest, dass die »veralteten« Designs aktuelleren Versionen weichen mussten.

Packt man das neue Buch aus der originellen Plastikumhüllung, so fällt einem sofort die grellorange DVD auf. Anstelle sich das Buch zur Brust zu nehmen, taucht man lieber direkt in die bewegte Pixel-Welt ab. Dabei besteht die Auswahl zwischen einem CD-ROM-Teil mit den erfassten Sites, die fast ausschliesslich auf Shockwave und Flash basieren, und einem DVD-Teil, der eine Unmenge an unterschiedlichen Video-Clips präsentiert, die zeigen wie sehr sich die grafischen Arbeiten von Web- und Videoclips ähneln.

Die Clips sind in Genres unterteilt – von Vektor-Grafiken (computergenerierte, skalierbare Grafiken), Motion Graphics, Camera-basierte Arbeiten, bis hin zu Linear-Storytelling (lineare, erzählerische Videosequenzen) und so weiter.

Die Bandbreite der verfolgten Animationen ist groß, wie auch die der aus aller Welt versammelten Künstler. Natürlich begegnen einem bekannte Design-Büros, wie The Designers Republic oder Matt Anderson, doch entdeckt man zusätzlich eine Menge neuer talentierter Künstler. Hervorzuheben ist außerdem die Stilvielfalt der vorgestellten Projekte. Ob Collagen mit sich überlagernden Texturen oder minimalistisch inspirierte Designs, nichts wird ausgeschlossen.

Die meisten Produktionen sind vertont und erhalten durch ein ausgeklügeltes Sound-Design zusätzliche Tiefe. Musikologisch interessant sind die Wechselwirkungen zwischen elektronischer Musik und Grafik. Wie in einem Ping Pong-Match spielen sie sich die Bälle zu.

Viele der auf Cut-Up-Ästhetik beruhenden Grafiken werden deshalb von frickeligen Copy&Paste-Electronica unterstützt. Die Designer scheinen neben ihrem Hang zu futuristischen Entwürfen auch Clicks & Cuts bzw. zerschnipselte Breakbeats à la Aphex Twin zu favorisieren. Selten schimmert da mal ein Song mit Gitarre durch.

Auch wenn das Buch mit 65 Euro ordentlich das Portemonnaie anknabbert, so erhalten Design-Fans doch mit »72-dpi Anime« ein bildgewaltiges Zeitdokument. Schließlich wurde auch beim Druck ein weiteres Mal nicht gespart und die prägnanten Projektdetails und Stilmerkmale dienen im Hexachrom-Druck nicht nur der Ergänzung. Fazit: Hochauflösend.

Website: www.die-gestalten.de