Mo.'s Plädoyer für mehr Glanz und Qualität
Die Netlabel –Kultur scheint sich selbst schon sehr liebgewonnen zu haben. Ein wenig vom eigenen Pioniergeist geblendet werden vielerorts die gleichen Fehler gemacht, die uns die Majors vormachen. Anstelle hochwertiger Musik bimmeln uns die Label die Ohren mit Trash voll – zu selten finden sich zeitlose Perlen.
Im World Wide Web ist die Netlabel-Kultur immer noch ein Randphänomen, dass dieses Jahr jedoch seinen Durchbruch erreichen wird. Die Musikbranche zerbröselt, versucht sich an kurzlebigen Casting-Shows und die Menschen wollen einfach nicht mehr Musik kaufen, aber konsumieren. Das hat Folgen… Eine Chance für die Netlabels also.
(Un)Freiwillig sorgen die Chefetagen für den Ausverkauf des Phänomens Popstar im großen Stil durch Casting Shows. Acts werden nur noch kurzfristig aufgebaut. TV-Auftritte Konzerte und Berichte über das Produkt »Musik« lassen die Kassen klingeln während das glitzernde Individuum in einem Strohfeuer lichterloh auf der Bühne verbrannt wird. Heute glaubt jedes Individuum es sei der glühende Stern am Himmel. Egozentrismus und Ich-Bezogenheit treibt selbst die talentlosesten mit Überzeugung auf die Bühne.
Bis hierher nichts neues und was hat das aber jetzt mit der Netlabel-Kultur zu tun?
(Er)Lebt man eine Subkultur, nimmt an ihr teil und versucht sie weiter voranzutreiben, schwärmt von ihr womöglich genauso blind wie Bill Gates von Micro$oft. Das wohnt jeder Subkultur inne, die davon überzeugt ist, eigenwillig und anders zu sein. Ob das nun die Linux-Kultur ist, irgendeine Fan-Community oder der Golf-GTI-Club der sich regelmäßig vor dem Mäckes an der Bonner Straße trifft. Jeder einzelne ist cool, will dabei sein und will Glanz – sprich ein Mini-Pop-Star in seinem Umkreis sein.
Nur das nicht alles glänzt, was man erlebt, dass es auch andere coole Dinge gibt, scheinen dabei viele nicht zu erkennen. Auch die Netlabel Kultur ist da ein wenig Ich-Verliebt und denkt: »Wir sind die guten. Wir sind die, die der Musikindustrie in den Arsch treten. Wir revolutionieren, wir gehen andere Wege.«
Die Idee ist gut, aber bitte mit Qualität sonst seit ihr alle genauso überflüssig wie Tim Renner & Co. Ihr scheint manches Mal scheinbar stumpf alles zu veröffentlichten. Während ich den Netlabel Catalogue administriere, neue Releases sauge, stolpere ich über so viel Schrott das mir die Ohren bluten.
Anstelle kontinuierlich an den EPs zu feilen und lieber einen oder zwei Monate mit der Veröffentlichung zu warten, veröffentlichen die Labelbesitzer verwässerten Schrott par excellence. Natürlich ist es verlockend, wie schnell ein produzierter Track auf die Festplatte gebounced, mp3eit und auf den Server geschoben werden kann. Aber bitte lasst Euch Zeit. Eurem Backkatalog und Ansehen wird es sicherlich nicht schaden, wenn ihre wenige aber feine Veröffentlichungen vorliegen habt.
Warum versuchen die Artists nicht noch mehr an ihren Releases zu feilen? Anstelle 10 Weg-Werf-Track zu produzieren, produziert lieber einen, den sich die Surfer auch noch in zwei Jahren ziehen. Wir wollen nicht jedes eurer Experimente hören. Warum bewundern wir z.B. heute noch Kraftwerk? Weil die Jungs so perfektionistisch an den Potis gedreht haben, komponiert, verworfen und wieder komponiert haben.
Einen Stoss in die Rippen sei mir bitte noch erlaubt. Mittlerweile tauchen immer mehr Netlabel-Mixe von (mp3)DJs aus der Szene auf. Die sind von der Idee her nett, aber einfach unglaublich einfallslos. Anstelle einen repräsentativen Querschnitt der Szene zu liefern, DJ Skillz zu zeigen, werden die immergleichen zitiert. Hey! Die Aufgabe eines DJs ist zu diggen und nicht wie der Kirmes-DJ die ewiggleichen Hits bzw. hier die immer wieder gleichen Labels zu zitieren.
Also bitte mehr Innovation, Pioniergeist und solides Experimentieren. Cheers! (mo.)