Nürnberg: Live Elektronik 2004

Eine Art Relaunch der letzten Nürnberger-Netaudionight war die Valentinesnight: ein Event der Superlative. Denn wie kein Zweiter versteht es »Kultur-Attaché« [in]anace aka Dirk Murschall ungewöhnliche Gäste erscheinen zu lassen, die eine Energie freisetzten, die ich an normalen Clubabenden einfach nicht mehr gewohnt bin.

Die opulent von der Videokünstlerin KAA mit Videobeamern, Diaprojektoren und Leinwänden ausgestattete Desi wurde sogleich zu Beginn des Abends von [in]anace himself heftigst erschüttert. Von der ersten Sekunde an gab es Hochspannung, als wollte Dirk sagen: wir haben keine Sekunde zu verlieren, bitte begebt euch in eure Startposition.

Nach seinem gelungenen Laptopset erschien dann mit Digitalis der erste Liveact auf der Bühne. Das schöne Set pumpte mit elektro-technoiden Beats und schwebte auf flächigen, sphärischen Sounds. Die Tracks bestanden größten Teils aus Stücken von ihrem neuen Album, die sie extra für diesen Abend bearbeitet hatten. Der Sound spülte dabei mit mehr Rumms angeschoben durch den Kopf und auch die Performer selbst entpuppten sich als alles andere als statischer Laptop-Act. Während Ntk hoch konzentriert mit ruhigem Blick die spannungsvollen Tunes überblickte, schien Kollege Oblivion den Beat zu absorbieren. Dabei schob er sich vor seinem Laptop vor und zurück, überließ seinen Körper dem. Gleichzeitig schien er es hinter seiner Maschine kaum auszuhalten und war kurz vor dem Sprung auf die Tanzfläche. Insgesamt beherrschten Digitalis souverän ihr Equipment und regierten über ihre Maschinen wie kaum ein zweiter.

Elektronische Livemusik wie sie sein muss!

Abgelöst wurden Digitalis von Wolfgang Schubert, der als »One-Man-Band« die Energie im Fluss hielt und powervoll zu rocken begann. Das Tanzbein triggernde Laptopbeats vermengte Wolfgang mit ansprechenden Pop-Schnippseln, die er direkt live in sein Mikrofon sang und elektronisch modulierte. Seine offenherzige Party-Attidüde drang ihm aus aus jeder Pore. Später meinte er selbst dazu: »Wenn wir uns alle hier treffen um eine Party zu feiern, dann sollte etwas passieren. Man kann da nichts falsch machen. Parties sind schöne Momente des Übertritts in andere Zustände.« Sehr Sympathisch :)

In der Lounge Area präsentierte währenddessen Zeichensprecher das, was wir als Liveset von ihm sehen wollen. Mit selbstgebautem Equipment und eigens programmierter Software performte er während der Valentins-Night seine Interpretation von elektronischer Livemusik 2004. Seine spacig beleuchteten Remote-Controller gesteuert von seinen sanften Handbewegungen, setzten seine Soundvision um. Die Geräte, die mit den Sensoren die Bewegungen durch die Luft empfangen und sie in Sounds umsetzen wurden zusätzlich von seinem sanften, eindringlichen Gesang unterstützt.

Getragen wurde die Performance von einem analogen (Echtmensch)-Bass und eingestreuten (Echtmensch)-Gitarrenelementen. Die Blackbox Laptop entblätterte sich zusätzlich und zeigte ihre Parameter. Das virtuelle Wesen Musik, dass mit uns über die Boxen in Form von Sound in den Dialog trat, drang tief in unser Bewußtsein. Liveelektronik: the next Level.

Referenz: Zeichensprecher »Modulmusik« subsource(sub051).

Auf dem Mainfloor übernahm dann inzwischen Oblivion von Digitalis mittels Traktor die Tanzregie. Das Publikum ging gut mit, während Oblivion hinter seinem Mac in Ektase gerat. Einem gelungenen Ausklang stand defacto nichts mehr im Wege.

Nürnberg, wo seid ihr?

Auch diese Netaudionight war mal wieder ein Treffen illustrer Netlabels. An diesem Abend waren die Menschen vor Ort, die hinter den Labels subsource, realaudio, 2063music, octagone und stadtgruenlabel stehen. Die zwanglosen Kontakte und Gespräche waren für alle Netaudiointeressierte das Salz in der Suppe. Ein Grund auch die nächste Netaudionight definitiv Rot im Kalender zu markern.

Obwohl die Promotion dieses Mal rechtzeitig und massiv war, kamen bloß vier Leute mehr als bei der vorigen Netaudio-Nacht. Als Mensch aus Kaiserslautern fragt man sich da unweigerlich: »Was machen die Nürnberger Samstags abends?« Möglicherweise war am Valentinstag der Grieche oder Italiender eine echte Konkurrenzveranstaltung. Oder das kuschelige Schlafsofa? Und das an einem Abend, an dem man eigentlich seine Lieben ausführen sollte. Dahingegen sollten Nürnbergs Clubbetreiber Dirk Murschall mal in ihre Arme nehmen, den dieser Mann weiß, wie ekstatische Events zu organisieren sind. (Martin Wisnowsiki)