Interview mit Jan Uhlenbrock (Scribe!)
- Stell Dich doch erst einmal vor! Wie alt bist Du, was machst Du (Studium, Arbeit, Leben)?
Also, ich bin jetze 22 Jahre alt, wohne in einem Dorf in der Nähe von Hameln und stecke gerade in einer Ausbildung als Fachinformatiker Anwendungsentwicklung. Vor der Ausbildung habe ich erst Abitur und dann Zivildienst in einer Therapieeinrichtung für Junkies gemacht.
Momentan entwickeln eine Arbeitskollege und ich ein System, um Maschinen über das Internet parametrierbar zu machen. Das Ganze läuft über PHP mit SOAP. Sehr interessant. Da ich 40 Stunden pro Woche in dem Laden ›ranklotze, bleibt in der Woche nicht allzu viel Zeit, um was zu unternehmen. Im Grunde nur lesen, Simpsons gucken und schlafen. Außerdem trainiere ich gerade für einen Marathon-Lauf.
Am Wochenende werden dann regelmäßig die alternativen Discos im näheren und weiteren Umkreis abgeklappert. Und natürlich alle ausgefallenen Konzerte und Festivals besucht. Einmal wollte ich sogar bis zum Mars fahren. Aber soweit bin ich und ist es dann doch nicht gekommen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich in ’ner Band bin? Da spiele ich Gitarre und versuche mich an die Konventionen des ›77er Punk zu halten. Wir sind zwar nicht besonders gut, aber es macht Spaß und man lernt über die Musik eine Menge Leute kennen. Und natürlich Frauen, was ja auch äußerst wichtig ist. Auf jeden Fall ist das ganze ein super Ausgleich zum doofen Programmieren. Für mehr Informationen kann man auf http://www.abgefuckt.de klicken.
- Auf Scribe! bin ich über ein Buch gestoßen, dass für HTML- Anfänger konzipiert wurde. Auf der beiliegenden CD ist auch Dein Freeware-Programm. Da Du das Programm alleine geschrieben hast, und dieses ziemlich komplex und umfangreiche Funktionen beinhaltet, fragt man sich, wie Du das alleine auf die Beine gestellt hast. Erzähl doch mal!
Die Idee, einen wirklich anfängerfreundlichen HTML-Editor zu programmieren, kam mir irgendwie so mit verpickelten 17 Jahren. Ich hatte vorher schon ein bisschen ›rumprogrammiert, größtenteils mit Profan 6.0, quasi einer Windows-Version von Basic. Dann bin ich für wenig Geld an den C++ Builder 3 gekommen, welcher natürlich viel cooler und professioneller war als der vorherige Krams.
Ich habe dann ungefähr 4 Wochen gebraucht, um mir den Namen »Scribe!« auszudenken. 2 Jahre später habe ich einem Wörterbuch während einer Englisch-Klausur durch Zufall gesehen, dass »scribe« wirklich eine Bedeutung hat. Glücklicherweise passt die Übersetzung ja einigermaßen.
Scribe! 1.0 wurde nach einem Jahr Entwicklungszeit und immer noch geringer C++ - Erfahrung irgendwann um Weihnachten 2000 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Danach erschienen regelmäßig Updates und langsam, ganz langsam wurde das Programm bekannter.
Durch eine fast unglaubliche Fügung des Schicksals hatte ich durch ein Schul-Projekt auf der CeBIT 2000 die Möglichkeit, für Scribe! 1.1 im Rahmen der Präsentation unserer neuen Schul-Homepage Werbung zu machen. Da WML (kennt das noch jemand?) damals groß im Gespräch war, und Scribe! der erste Editor war, der das Ganze unterstützte, konnte ich ein paar Kontakte knüpfen. Letztlich hat natürlich niemand einen fast 18jährigen Schüler ernstgenommen, aber mir und meiner Naivität gab das Antrieb, weiterzumachen.
Dann habe ich erst mal mein Abitur gemacht. Da hatte ich selbstverständlicherweise nicht so viel Zeit, um an Scribe! weiterzubasteln. Die ganzen Abi-Feten waren nämlich ziemlich anstrengend und gelernt werden musste ja auch noch.
Zum Anfang meiner Kriegsdienstverweigerer-Zeit habe ich beschlossen, Scribe! von Grund auf neu zu programmieren. Scribe! 1.x bestand ja immer noch zu großen Teilen aus meinen ersten Gehversuchen mit C++ und war deswegen code-mäßig total versaut. Auch in Hinblick auf eine bevorstehende Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, wo sich eine Referenz wie Scribe! sicher ganz gut machen würde, sollte Scribe! einfach gekonnter aussehen.
Scribe! 2 (Untertitel »Generation X«) wurde nach einer kurzen Beta-Phase am 22.2.2002 veröffentlicht und hat seitdem mehrere Menschen glücklich gemacht. In den ersten Wochen besuchten mehr als 1500 Leute http://www.scribe.de pro Tag. Bis heute wurden die unterschiedlichen Versionen insgesamt über 100.000 Mal heruntergeladen. Ich kann also ganz zufrieden mit meiner Arbeit sein. Und aufgrund der kompletten XHTML-Unterstützung ist Scribe! vielen Editoren immer noch voraus.
Seit Beginn meiner Ausbildung als Fachinformatiker im Sommer 2002 ist meine Engagement im Bereich Scribe! und so allerdings stark zurückgegangen und das letzte Update ist mittlerweile 1 Jahr her. Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich dafür bei den Benutzern entschuldigen muss. Muss ich? Es ist nun mal sehr schwierig, als Beruf und Hobby die gleiche Sache zu tun.
Seit geraumer Zeit liege ich nachts oft wach und bin am Überlegen, ob ich Scribe! als Open-Source-Projekt zur Verfügung stellen sollte. Ich selbst bin davon nicht allzu begeistert, da ich Scribe! 2 bereits für einen ausgereiften Editor halte und somit auch nicht mehr viel programmiert werden müsste. Andererseits bedeutet Stillstand ja Tod und Scribe! ist noch zu jung zum Sterben. Mal sehen.
Zusammenfassend gibt es also 3 Dinge, die man für ein Projekt in dieser Größenordnung benötigt: Den Gedanken, alles besser machen wollen, enorm viel Zeit und keine Freundin.
Mein Rat an alle jungen Menschen, die auch mal Programmierer und ein wenig bekannt werden wollen: Lasst den ganzen Scheiß. Verschwendet eure Jugend nicht.
- Das Programm ist Freeware, und kann somit frei kopiert werden. Wie kam es zu der Entscheidung, dass Programm als Freeware zu veröffentlichen, nachdem Du sicherlich jede Menge Schweiss investiert hast?
Es ist natürlich so, dass Freeware einen viel höheren Verbreitungsgrad findet als kommerzielle Software. Und da ich damals als Schüler eigentlich mehr die Bekanntheit als die kommerzielle Seite im Sinn hatte, fiel mir die Entscheidung nicht besonders schwer. Zudem war das Problem, dass schon ein ziemlich populärer Umsonst-HTML-Editor existierte. Dagegen mit einem vielleicht besseren, aber kostenpflichtigen Programm anzukommen, hätte eh nicht geklappt. Ich selber benutze ja auch lieber Freeware, selbst wenn sie Macken hat, schlecht dokumentiert oder sonstwas ist. Zumal professionelle Programme heutzutage genauso fehlerbehaftet auf den Markt gebracht werden, wie manche Freeware. Und damit meine ich nicht nur Microsoft-Produkte.
Bei der Entwicklung von Scribe! 2 (besser, schneller, bunter) habe ich zugegebenermaßen kurz mit dem Gedanken gespielt, die Benutzer, nett ausgedrückt, an den Entwicklungs-Kosten zu beteiligen. Also irgendein Finanzierungsmodell wie Shareware oder kostenpflichtiger Support. Ich hätte vielleicht auch Scribe!-Mitglieds-Ausweise wie damals für den Knax-Klub verkauft. Aber schlussendlich würde das die bisherigen Benutzer verschrecken und neue gar nicht erst ins Kollektiv holen. Einmal Freeware, immer Freeware. So schnell kommt man da nicht raus.
- Was hältst Du selbst von Open-Source, Freeware und Shareware? In einer kurzen Mail meintest Du, dass Du nicht wirklich angetan bist von der Idee der Freeware. Warum und weshalb kann man dann noch Dein Programm herunterladen?
Als Erstes muss ich etwas unterscheiden: Es gibt Programme, die mit Recht umsonst sind. Für den »Bildschirmhintergrundwechsler 2.0« wäre niemand bereit, etwas zu bezahlen. Aber ein komplettes Office- oder Browser-Paket? Also bitte. Die Entwicklungskosten können doch nie wieder reingeholt werden. Die Firma wird dann von einer größeren aufgekauft, die Programmierer noch einige Zeit mit Geld versorgt und dann entlassen. Positiv an solch großen Freeware-Projekten ist allerdings, dass man damit ein bisschen an bestehenden Monopolen wackeln kann.
Trotzdem darf es nicht sein, dass ein Produkt, in das Mengen an Zeit, Geld und Intelligenz gesteckt wurden, frei verfügbar ist. Das widerspricht eigentlich der Idee, die ich im bei uns vorherrschenden Kapitalismus ganz nebenbei festgestellt habe.
Zumindest einer der Gründe, warum gerade ein Produktbereich wie Software ins Kostenlose abrutscht, ist ja klar: Software ist nichts, was man in der Hand halten oder an die Wand werfen kann. Und man hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass vieles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat, kostenlos ist. Heutzutage ist sogar das Beschaffen illegaler Software umsonst. Wenn man sich früher ein Spiel gebrannt hat, dann hat der Rohling wenigstens noch 5 Mark gekostet.
Natürlich plädiere ich nicht dafür, für alles Geld zu verlangen. Wichtige Informationen müssen weiterhin für jeden zugänglich sein. Aber ein bisschen den Wirtschaftskreislauf zu stärken, sollte schon drin sein.
Den einzig richtigen Weg sehe ich in der Unterscheidung zwischen privater und kommerzieller Anwendung: Wenn das Programm eingesetzt wird, um Geld damit zu verdienen, dann sollte auch der Programmierer etwas davon abbekommen.
Und weshalb man Scribe! immer noch trotz allem herunterladen kann? Einmal Freeware, …
- Welche Erfahrungen verbindest Du mit Deinem Projekt? Hast Du schon einmal Geld für Dein Engagement bekommen? Wie gehen die User von Scribe! mit Dir um? Was waren die lustigsten und nervigsten Mails?
Lustige (oder eher traurige) Mails und Forums-Beiträge könnte ich hier wirklich zu Dutzenden posten. Als Referenz kann man sich diesen Eintrag mal angucken: http://www.scribe.de/forum/viewtopic.php?t=34
Die richtig fiesen Dinger kommen trotzdem immer per Mail. Scheinbar wissen die Absender sehr genau, wie es um ihre Ausdrucksfähigkeit und Rechtschreibung steht und das könnte in einem öffentlichen Forum ja peinlich werden. Irgendwie wird sich ebenfalls keine Mühe mehr gemacht, ein Thema oder Problem ausführlich zu beschreiben oder wenigstens etwas auf gängige Satzstellung zu achten. Das kann doch im echten Leben auch nicht funktionieren. Mitdenken, bitte.
Und dann werden auch noch solche Fragen gestellt, die sich mit ein wenig Nachdenken oder Suchen in der wirklich umfangreichen Hilfe beantworten lassen. Im Notfall ist immer noch das Forum da. Aber nein, es ist natürlich einfacher, eine Mail an den Programmierer zu schicken. Mittlerweile antworte ich auf diese Mails schon gar nicht mehr. Schlimm sind solche Leute, die sich dann auch noch über schlechten Support beschweren. Ich meine, niemand zwingt jemanden, Scribe! zu benutzen (außer ich meine Freunde). Das kann einem den Spaß schon verderben.
Im Großen und Ganzen ist das Feedback aber positiv. Ich habe während der letzten Jahre eine Menge interessanter Leute kennen gelernt. Programmierer, Web-Designer und andere Art- oder Sinnesverwandte. Und natürlich gibt es auch einen Haufen netter Scribe! - Benutzer, die angemessene Kritik üben und ansonsten sehr freundlich sind. Viele nehmen auch die Möglichkeit wahr, mir CDs, quasi als Spende und Aufmunterung, zu schicken. Immerhin 25 Tonträger sind jetzt schon zusammenkommen. Das ist doch was.
- Wie funktioniert Dein Programm eigentlich? Auf der Website von Scribe! liest man erstaunt die Features des Programms: FTP Upload, CSS - Editor, Plugin - Schnittstelle, Projekt-Backup und so weiter. Hast Du Scribe! modular aufgebaut und programmierst Du ein Feature nach dem anderen oder wie kann man sich den Entwicklungslauf eines solchen Projektes vorstellen?
Tja, es wäre schon sehr schön, wenn Scribe! modular aufgebaut wäre. Aber leider ist der Code schon wieder ziemlich durcheinander. Ich hatte mir tatsächlich vorgenommen, Scribe! 2 etwas flexibler als den Vorgänger zu programmieren, aber wenn man alleine an so einem Projekt arbeitet, ist die Gefahr ziemlich hoch, schlampig zu arbeiten. So war’s dann auch. Sollte Scribe! wie vielleicht geplant ein Open- Source-Projekt werden, könnte das ganz schön peinlich für mich werden.
Ansonsten bin ich aber so vorgegangen, wie man es eigentlich erwartet:
Zu Anfang sollte man ein bisschen Brain-Storming machen, was für grundlegende Funktionen das Programm haben soll. Dabei hilft es, sich Konkurrenz-Produkte anzuschauen und festzustellen, was einen daran stört oder sehr gefällt. Somit weiß man nämlich auch gleich, welche Programme möglichst schnell als schlecht zu propagieren sind. Am Besten ist es, wenn man Kontakte zu potentiellen Endbenutzern hat und die mal ein bisschen einsperrt und ausfragt.
Dann muss man sich über das Design klar werden. Ok, bei Programmen ist man ja an bestimmte Regeln gebunden, nämlich die Menüleiste möglichst oben und die Statusleiste unten anzubringen, aber es ist schon wichtig sich zu überlegen, wie viel Fenster, Buttons und Menüpunkte man dem Benutzer zumuten darf.
Als Nächstes kommen die wirklich grundlegenden Funktionen. Mal auf Scribe! bezogen wären das solche Sachen wie Speichern, Öffnen, Suchen, Ersetzen und Fensterverwaltung. Danach waren die speziellen Funktionen dran. Parsing- und Formatierungsfunktionen zum Beispiel. Damit hängen selbstverständlich auch die Tag-Dialoge zusammen. Die Tag-Dialoge verwenden zwar alle die gleichen Funktionen, da aber die Attribute der Tags unterschiedlich sind, ist jeder Dialog einmalig. Zum Schluss habe ich dann die Scribe! - Tools programmiert, also die Dinge von denen, die nicht direkt etwas mit der eigentlichen Bestimmung des Programms zu tun haben. Projekt-Backup zum Beispiel oder der Grafik-Katalog, die Link-Überprüfung, den Thumbnail- Generator oder den XHTML - Konverter. Nicht zu vergessen die Include - Verwaltung und … genug der Werbung.
Abschließenderweise habe ich natürlich noch endlos bunte Icons erstellt und die Hilfe geschrieben. Die Hilfe war wirklich am Aufwendigsten. Aber Scribe! sollte ja äußerst benutzerfreundlich werden. Und das ist es wohl letztenendes, worauf es beim Programmieren und im sonstigen Leben ankommt: Freundlich zu sein. Und das, ohne Geld dafür zu bekommen.
Hey Jan, vielen Dank für das Interview :)