Interview mit Armin Medosch

Wie verdienen eigentlich Betreiber wie Julian Priest und James Stevens ihr Geld? Wie haben sie die eigene Beteiligung am Aufbau der Netwerke finanziert? Wie verdienen sie ihr Geld?

Wie die Leute das Geld fuer den eigenen Lebensunterhalt verdienen, darauf kann ich keine Antwort geben. Der Aufbau freier Netze selbst kostet ja fast kein Geld. Da das im dezentralen Sinn passiert, finanziert jede/r ihren/seinen eigenen drahtlosen Netzknoten. Die Hardware-Kosten sind gering, weil auch veraltete Rechner als Access Points und Router dienen koennen. Hier in London gibt es diverse Initiativen, ausgemusterte Maschinen von Firmen zu bekommen, was ganz gut zu funktionieren scheint.

WLAN ist (Radio-)Technik. Entsteht durch die Verwendung der Technik auch mehr als ’nur‹ ein kabelloses Netz in der Nachbarschaft?

Da zwischen den Antennen von zwei Knoten, die sich drahtlos vernetzen, Sichtverbindung bestehen muss, sind Teilnehmerinnen gezwungen, ihr Augenmerk der Topologie zuzuwenden. Hohe Gebaeude mit gut zugaenglichen Daechern werden zu Objekten der Begierde. Die Nachbarschaft erschliesst sich aber nicht nur physisch/geografisch, sondern auch bezueglich des sozialen Umfelds. Mit wem möchte ich mich vernetzen, wer lebt in meiner Umgebung? Die Stadt wird zum Abenteuerspielplatz und auf der Basis drahtloser Netze entstehen neue Interaktionsmoeglichkeiten, wie z.B. Kartographie drahtloser Netze, Spiele wie Noderunner, kollaborative Annotation öffentlicher Räume. (Anmerkung: in diese Richtung geht mein naechstes Projekt)

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann beinhalten Freie Netze eine Mentalität im Sinne von ›Rückeroberung des bürgerlichen Raumes‹. Freie Netze ermöglichen freies Denken. Warum und wie?

Nun, ›bürgerlich‹, weiß nicht, ob ich das als Beleidigung auffassen soll;-) Mit der öffentlichen Panikmache seitens Politik und traditioneller Medien ist es gelungen, dem Internet die Schuld für so ziemlich alle sozialen Übel unserer Zeit in die Schuhe zu schieben. Mit dem ›War on Terror‹ und den daraus erwachsenden Überwachungs- und Kontrollbedürfnissen sind die letzten Hemmschwellen bezüglich des Schutzes der Privatsphäre gefallen. Zugleich verfeinert die Wirtschaft mit militärischer Präzision die Lokalisierung des Konsumenten und seiner Bedürfnisse. Urheberrecht, Markenrecht, Verleumdung und andere rechtliche Hebel dienen der Ausschaltung von Kritik und Meinungsfreiheit. Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass die Ausübung der Meinungsfreiheit im Netz durch die korporativen Besitzstrukturen gefährdet ist. Wenn sich die physisch-materielle Schicht der Netzkommunikation in den Händen der Userinnen befindet, kann damit zumindest potentiell wieder ein Freiraum entstehen. Diese dezentralen Strukturen erfassen derzeit aber nur die Ränder des Netzes und kleine freie Netzoasen. Ob sich das Modell flächendecken durchsetzen wird, und freie Netze tatsächlich zum Garanten der Meinungsfreiheit werden, ist eher fraglich, doch die Richtung stimmt.

Heutzutage scheinen die Menschen ›politikverdrossen‹ und auf sich selbst fixiert. Oft herrscht eine Mentalität gegenüber dem Staat, als ob dieser dem einzelnen Individuum etwas schuldet. Selbstverantwortlichkeit und Engagement trifft man häufig eher in Form von Beteiligung oder Spenden an und für Projekte mit speziellen Zielen (Greenpeace, UNICEF, Vereine). Sind freie Netze Deiner Meinung nach eine gute Möglichkeit den Bürger hin zu einer neuen Selbstverantwortlichkeit und aktiven Beteiligung an der Gesellschaft zu führen? Wenn ja/nein… Warum?

Als ich das Buch zu Ende geschrieben hatte, trat für mich ein eher philosophischer Punkt in den Vordergrund. Ein freies Netz aufzubauen bedeutet, seine Autonomie als Subjekt aktiv auszuüben und diese Freiheit über den Weg der Selbstorganisation zugleich zu vergemeinschaften. Letztlich sehe ich das also als einen der wichtigsten Punkte an. Insofern ist es die Praxis, die es den Beteiligten ermöglicht, sich in einer aktiven und selbstbestimmten Rolle zu erleben. Und das kann sich ungeheuer energetisierend und motivierend auswirken. Ohne jetzt hierzu gleich einen ganzen Essay zu schreiben, der ganze Blickwinkel auf die Gesellschaft ändert sich. Stichworte: Ausbrechen aus dem Konsumentenparadigma, Verweigerung, sich mit einer entfremdeten Position abzufinden, etc.

Damit das jetzt nicht zu theoretisch verblasen klingt, gleich noch ein Beispiel: Vor mehr als zwei Monaten habe ich endlich meinen BT ADSL-Anschluss gekündigt, die letzte Rechnung gezahlt und dachte, das wäre erledigt. Trotzdem bekomme ich weiterhin Rechnungen gestellt. Verbrachte gestern eine Stunde in den Schaltkreisen des BT-Customer-Helpdesks und bin mir des Erfolges trotzdem nicht sicher. Wenn mit dem drahtlosen Netz was nicht stimmt, dann gehe ich rüber zu Adam von free2air.org und wir trinken eine Tasse Tee und er erzählt mir, was sonst gerade noch so anliegt.

Wenn der Staat und die Industrie merkt, dass in Form der Freien Netze wirklich eine neue sich selbst organisierende Bewegung entsteht, besteht dann nicht die Gefahr erneuter Regulierung, vielleicht sogar ein eventuelles Verbot für weiteres Nutzen der Technik? (Ein Beispiel: Sollten freie Netze entstehen, steht dem individuellen Tausch via File-Sharing nichts mehr im Wege, da dieser direkt zwischen den Teilnehmern entsteht und nicht durch Provider ›mitgeloggt‹ werden kann. Das könnte für die (Musik- und Film-)Industrie ein weiterer noch viel größerer Profitverlust werden.)

Nun, der Aufbau freier Netze ist muehevoll und langsam. Derzeit läuft das noch weit unter dem Radarschirm z.B. der Musikindustrie ab. Doch die Gefahr neuer Regulierungsbemühungen besteht natürlich schon. Ein heißes Thema ist Voice over IP (Internettelefonie). Wenn drahtlose Bürgernetze sowas anzubieten beginnen, was absolut Sinn macht, dann bringen sie damit die UMTS-Multis gegen sich auf, die Milliarden für ihre Lizenzen hingeblättert haben. Überhaupt: Spektrum, das ist die grosse Frage. Unsere politischen Führer auf nationaler und EU-Ebene sind leider immer noch von dieser Denkschwäche befallen, die sich Neoliberalismus nennt. Der Trend geht jetzt dazu, mit Spektrum einen florierenden Handel zu beginnen. Das gefällt dem Kapital, Luft verkaufen. Wenn das elektromagnetische Spektrum zur Ware wird, davon denke ich, droht mittelfristig die groesste Gefahr (abgesehen von Apathie, Ratlosigkeit des bürgerlichen Mainstreams, usw.)

Danke Armin für das interessante Interview!

Interview & Text: Moritz Sauer