Tokyo Dawn: Über die Zukunft von Netlabels und Netaudio
Nach sechs Jahren Online-Präsenz steht Prymer von Tokyo Dawn skeptisch einem Erfolg der Netaudio-Szene gegenüber. Zur Zeit basteln die Macher und Musiker an einer neuen Präsenz und Hardware für den ganz normalen Plattenladen dieser Welt ist am Start. Mit Rückblick auf einen großartigen Backkatalog und Ausblick auf die Zukunft spricht er Klartext und hält sich in seinem Urteil nicht zurück.
Hey Marc, kannst Du Dich kurz vorstellen, wer du bist, was Du machst (Studium…) und wie alt Du bist! Aus welchem Anlass entstand eigentlich Tokyo Dawn?
Sorry, aber wer ich bin ist nicht wirklich interessant, wenn wir uns über Tokyo Dawn unterhalten wollen. Um also gleich zum zweiten Teil der Frage zu springen, Tokyo Dawn ging erstmals online 1997, als Netlabel mit einem naiv-spielerischen und Do-It-Yourself-mäßigen Ansatz, spezialisiert auf Opensource-Musik.
Inzwischen sind wir einer der letzten Dinosaurier unter den Netlabels neben mono211.net. Aber neben dem Online-Ding machen wir auch handfeste Hiphop und RnB Platten, die wir via Groove Attack veröffentlichen. Aber wir verstehen uns in erster Linie gar nicht mal als Label, sondern als Musikerkollektiv, als Team von Freunden, Produzenten, Instrumentalisten, Sänger, MCs, DJs und Designer, die eng zusammenarbeiten, sich gegenseitig mal was beibringen und zeigen, einander helfen usw.
Zur Zeit ist Tokyo Dawn offline. Warum und was passiert gerade bei Euch?
Naja, die Webpage ist für uns nicht viel mehr als ein verdrecktes Fenster zum Reinschauen. Das haben wir gerade zugehangen um unseren Hausputz in Ruhe machen zu können, aber bald machen wir die Sicht wieder frei. Bis dieses Interview erscheint sind wir vermutlich schon wieder online mit den frischen Pages und mit einigen schönen neuen Releases. Diesmal mit dabei sind u.a. Blue Eyes, Lars Berenroth, Comfort Fit, Blaktroniks, Saine, Move-D, Bossanoble und Causes & Forces. Ja nicht verpassen!
In einem Gespräch hast Du uns erzählt, dass Du von der Kostenlos-Mentalität im Netz ziemlich genervt bist. Vor allem kannst Du die Künstler nicht so unterstützen wie Du es möchtest, da über Tokyo Dawn keinerlei Profit gemacht wurde bzw. wird. Jetzt erscheint ein Album über die Vertriebswege von Groove Attack, so richtig old-skool-mäßig. Warum ?
Wie du schon sagtest geht es in erster Linie darum, Perspektiven für unsere Künstler aufzubauen und das kann man online nicht wirklich. Die Gesamtsituation hat sich seit unserem letzen Interview auch einfach verändert. Die Netlabel-Szene hat schon längst ihren Exotenbonus verloren und ist trotzdem nicht aus der Mittelmäßigkeit herausgekommen, mal abgesehen von den wenigen Ausnahmen wie z.B. Ageema Blues.
Dank dem Hype gibt es nun Millionen von schlechten MP3s da draußen, die niemanden interessieren. Dementsprechend mies ist die Wahrnehmung von Indiemusik im Netz und das hat zur Folge, daß der MP3-Overkill auch zum Problem für die meisten Indie-Labels und Vertriebe wurde, die noch viel gravierende Existenzkämpfe austragen müssen als die Majors am Anfang dieser Entwicklung.
Und dann kamen auch noch die Supermoves von i-tunes bzw. Apple und veränderten die Perspektiven wieder mal komplett. Aber auch unsere ganz persönlichen Realitäten haben sich seitdem verändert und ich hoffe sehr, daß diese Platte ein Sprungbrett für den einen oder anderen wird, unabhängig davon ob der jeweilige Künstler dann bei TDR weitermacht oder woanders. Es ist schon spannend zu sehen was so alles passiert, wenn man unsere Musik nach so vielen Jahren endlich mal von der Leine lässt.
Ein weiterer Grund ist sicherlich, daß wir keine Liebhaber von MP3/OGG-Sound sind. Soundkomprimierung ist natürlich ein sehr praktisches Mittel zum Zweck um online veröffentlichen zu können, aber daß die Soundbandbreite dadurch reduziert und verfälscht wird und unsere Musik am Rechner gehört wird, womöglich noch als Hintergrundberieselung beim Arbeiten, das gefällt uns eigentlich überhaupt nicht. Außerdem möchten wir den Bootleggern das Wasser abgraben und hoffen keine weiteren inoffiziellen Whitelabels oder CDs mit Tokyo Dawn Tracks zu finden, wenn wir das künftig selbst in die Hand nehmen.
Musik gegen Spenden. Denkst Du, dass könnte ein schlüssiges Konzept sein, um Künstler durch ein Netlabel zu unterstützen?
Ja, Spenden sind natürlich okay, aber definitiv kein ›schlüssiges Konzept‹. Es ist zwar gut, daß diese Spenden ohne Umwege direkt an den Künstler weitergeleitet werden können, aber im Indie-Kontext liefe das eh nur auf ein spärliches Trinkgeld hinaus. Mit Strassenmusik verdient man sogar mehr Geld. Das Internet ist zu anonym für sowas. Im Grossen und Ganzen würden außerdem vorwiegend diejenigen davon profitieren, die sowieso vorne stehen und die Aufmerksamkeit an sich reissen. Songwriter, Studiomusiker und alle anderen hinter den Kulissen würden in der Regel noch weniger vom Kuchen abbekommen, als ihnen eigentlich zusteht und das kann es ja auch nicht sein.
Wenn jemand behaupten würde, dass Künstler nur Musik der Musik willen machen sollten und es nicht wichtig ist, Geld mit Musik zu verdienen, was würdest Du demjenigen antworten?
Meiner Meinung nach ist es viel eher die Frage, wieviele Kompromisse man bereit ist dafür einzugehen. Wenn man es ernst meint mit der Musik, dann will man den ganzen Tag nichts anderes als das machen. Aber von irgend etwas muss man ja leben, also gibt man lieber ›was für eine Platte frei anstatt jobben zu gehen, weil man ja sonst noch weniger Zeit für seine musikalischen Triebe übrig hätte. Das ist doch okay, auch wenn es bei den meisten natürlich nur ein Traum bleibt so leben zu können.
CDBaby könnte man als Quasi-Plattenladen beschreiben, nur dass es online Indie-Labels vertritt und für einzelne Künstler Platten verkauft und anbietet. Man kann dort seine eigenen CDs, selbst gebrannt, geklebt und zusammengestellt hinschicken und sie werden verkauft. Nach Janko Röttgers ist CDBaby, der größte Online-Markt für Indie-CDs nach amazon.com. Was hälst du von der Idee?
Grundsätzlich finde ich es super, wenn jedem diese Möglichkeiten offenstehen. Aber ein automatisierter Internetdienst wie CDBaby wird doch niemals alle Aufgaben von einem guten Vertrieb und einem engagierten Label übernehmen können. Außerdem ist mir dort die Wahrscheinlichkeit zu hoch, daß es sich ähnlich negativ wie MP3.com weiterentwickelt. Als Ergänzung ist es vielleicht tatsächlich nett, aber einen herkömmlichen, gut sortierten Plattenladen würde ich trotzdem allemal vorziehen. Nur werden die allermeisten davon spätestens in fünf Jahren von der Bildfläche verschwunden sein oder zu so etwas wie Antiquariatshändler werden, wenn EBay diesen Bereich nicht komplett übernimmt. Viel eher als CDBaby hat Apple vorgemacht wie es in Zukunft gehen könnte. Da wird nun fleissig abgeschaut und weiterentwickelt, auch im Indie-Bereich. Die kommenden Indie-Download-Netze von Groove Attack und anderen könnten da auch noch einiges verändern.
Hey Marc vielen Dank für das Interview!
Info: Auch wenn die Webseite von Tokyo Dawn zur Zeit »verhangen« ist, das ganze Musik-Archiv findet Ihr unter: ftp://ftp.scene.org/pub/music/groups/tokyo2051 (House-Releases) ftp://ftp.scene.org/pub/music/groups/tokyodawn und für die Breakbeat-lastigeren Tracks.
prymer’s pop charts late september'03
1. roscoe p. coldchain - new banger - star trak
2. ty feat. bembe segue - groovement - big dada
3. ursula rucker - release - !k7
4. clueso - level instrumental - white
5. lizz fields - say the word - philly soul
6. sunshine anderson - heard it all before (quantic soul orchestra remix) - rebtuz
7. rh factor - poetry (dj spinna remix) - verve
8. deyampert - held him first - sonar kollektiv
9. dwele - angel (yam who mix) - yam
10. ertha kitt - love for sale (prymers dirty love edit) - white
11. oscar brown jr - brother where are you (herbert remix) - verve
12. nick holder feat. jemini - no more dating djs - nrk
13. dudley perkins - money - stones throw
14. madlib feat. medaphoar - please set me at ease / shades of blue lp - blue note
15. georg levin - in your car (dj spinna remix) - sonar kollektiv
16. colonel red - gotta be a place for us - people
17. cuebism - made it - ideology
18. the detroit experiment - too high - planet e
19. manmade science - times & senses - philpot
20. dj oji feat. stay-j - wedding in paradise - poji
21. little brother - make me hot (yam who rework) - yam
22. alison david - dreams come true (afronaught remix) - ADD