Brutale Zeiten für Musik
Eigentlich leben wir in grausamen Zeiten in Hinsicht auf Musik. Unsere Ohren werden fast überall von Songs und Tracks umspült. Ob im Café, Kaufhaus, in der Bahn oder in der Boutique, die Sounds strömen nur auf uns ein. Nicht zuletzt das Internet mit seinen vielschichtigen Möglichkeiten lässt Musik zu einem verfügbarem Gegenstand »verkommen«, der mittlerweile fast ausschließlich kostenlos zur Verfügung steht bzw. stehen kann.
Die Schlachtbank heißt Verfügbarkeit
Angefangen bei den Tauschbörsen über Netzlabel bis hin zu den unzähligen Radiostationen, Musik ist überall und hat lange nicht mehr den kulturellen Wert »von einst«, da einfach nur konsumiert und vergessen wird. Wer setzt sich heutzutage schon genüsslich vor die Stereoanlage, schiebt seine neueste Erwerbung in den Player und hört und liest sich in Ruhe das Booklet mit Texten und Bildern durch. Zwar propagieren Musikzeitschriften weiterhin das Phänomen von Rockstar, Popstar, Musikstar, aber auch hier hat die Übersättigung schon eingesetzt. Was heute hipp ist, wird nächsten Monat schon kein Thema mehr sein. Pech, wer eine schlechte Promotion-Firma hat. Aber auch Pech wer einen Artikel bekommt, denn selbst er/sie wird nächsten Monat wieder vergessen sein. Denn da strömt schon der nächste Held in die Redaktion und in die Zeitschrift.
OK, wir könnten jetzt alle gemeinsam heulen, und »ach wie gut es damals war« jammern, aber das bringt auch nichts. Lassen wir lieber die Industrie jammern, bald gäbe es keine Nachwuchsbands mehr, denn wenn überall kopiert und aufgenommen wird, ist das Ende nah. Ach Scheiße! rufen wir, Musik wird immer gemacht, nur der Umgang ändert sich.
Rückzug in die Privatssphäre
Persönlich bin ich da noch zu keinem Schluss gekommen. Selbst möchte ich lieber wieder den Künstler an sich ehren, ihm Aufmerksamkeit zukommen lassen. Nur wie soll das funktionieren, wenn ich jede Woche mehrere Vinyls und CDs erhalte, die ich rezensieren soll? Nur wie kann ich das bewältigen, wenn ich auch noch per Internet unglaublich liebevoll gestaltete Mixe saugen kann und von Freunden zugesteckt bekomme? Tatsächlich ist es schrecklich, wenn man das Hobby zum Beruf macht, denn der Burnout und das Ach-Lass-Mich-Doch-In-Ruhe-Mit-Dem-Scheiß liegt auf der Hand.
Vielleicht…
… schafft dass aber auch eine neue Herangehensweise. Vielleicht sind mir die Stars und Hype-Themen irgendwann egal. Vielleicht konzentriere ich mich dann eher wieder auf den Freundeskreis und eine kleine Gemeinschaft, wie z.B. die Netaudio-Szene, die mir den neuen Sound empfiehlt. Eigentlich ist das ja auch der heimliche Erfolg von File-Sharing-Systemen wie Soulseek. Da wird empfohlen, gechattet und anschließend gesaugt. Und wer sich interessiert findet dann auf den Seiten der Künstler und im restlichen Netz mehr Informationen. Liebhaber gibt es schließlich genug und die feiern enthusiastisch ihre Favoriten und opfern Zeit. Und dass ist schließlich dann doch eine positive Wendung, so nach dem Motto zurück in die Privatsphäre. Dann heißt es demnächst eventuell: »Schau mal, ich hab dir was auf meinen Webspace-Account hochgeladen. Hör doch mal!« Das wäre dann der genüssliche Abschied vom marktschreierischen »Kauf doch!«, dass Musikindustrie und Musikzeitschriften permanent propagieren. (Moritz Sauer)