Ein Gema-freier Abend mit der Netaudio-Szene

Vergangenen Donnerstag trafen sich das erste Mal einige der Headz der deutschen Netaudio-Szene. Mannheim bildete den Kern des Geschehens und in der Lounge fand das außergewöhnliche Event einen wunderbaren Schmelztiegel. Neben ungewöhnlichen (Traktor-)DJ-Sets die zwischen Electronica-Breakbeat-Knochenbrecherei und Minimal-Dub-House lustig wechselten wurden jede Menge Erfahrungen und Sounds ausgetauscht. Ein kölscher Erlebnisbericht…

Schon Wochen vorher wechselten wie gewöhnlich die Emails die Besitzer, titschten Nachrichten und erste Promo-Sets via Digital-Leitung kreuz und quer durch Deutschland. Während Köln sich nur als versteinerten Beobachtungsposten ausgab, werkelte Dirk Murschall aka [In]anace und Martin Wisniowski aka 020200 fleißig an ihren Sets, organisierte Sebastian Redenz von Thinner das Event und stellte Roland Fliege (ehemals Labelmitbetreiber von Shitkatapult) die Location zur Verfügung.

Ach hier ist’s aber schön!

Nachdem Jörg und ich gemütlich die 61 heruntergecruist waren, um endlich mal von der Kölner Provinz aus in den Süden abzutauchen, fuhren wir auf einer von Mannheims Prachtstraße durch das Städtchen. Irgendwie fanden wir es richtig schön nur um später von Swen [http://swen.antville.org] desillusioniert zu werden: »Komisch Mannheim war neben Dresden die meist bombardierteste Stadt Deutschlands…«

Swen trafen wir nämlich zufälligerweise auf der Suche nach der Lounge. Zwar kannten wir uns nicht wirklich, aber doch eigentlich schon. Denn Swen hatte phlow einige Wochen zuvor via Netaudio-Liste mit MP3-Tipps versorgt. Witzigerweise hatte Swen im Gegenzug als Mannheimer auf phlow.net von dem Event erfahren hatte und sich spontan für einen gemütlichen Abend im Kreise von Gleichgesinnten entschieden. Für Joerg und mich war das die erste sympathische Bekanntschaft in einer an diesem Abend nicht abreissen wollenden Folge von Begegnungen.

Visuelle Stimulanz im Partyraum

Die Lounge [http://www.die-lounge.com] war alles andere als das was wir erwartet hatten. Der Konzertraum im Kulturzentrum Alte Feuerwache, war riesig und stylish mit Hilfe von weiss-transparenten Stoffen unterteilt. Auf die Stoffwände projezierte Jody Fonseca seine Visuals, die er mittels Publikums-Kamera, via Internetverbindung und mit seinem Laptop gelungen zusammenmischte.

Nach der ersten visuellen Stimulanz stießen wir dann kurzer Hand auf Sebastian Redenz auch liebevoll von seinen Freunden aus Kanada Patron de Thinner getauft. Innerhalb von Zeitbruchteilen verflog sämtliche Befangenheit und man tauchte gemeinsam in Gespräche über die Szene und den anstehenden Abend ab.

Von Email-Menschen

Oft habe ich persönliche so ein wenig Angst Menschen zu treffen, die ich über unzählige Mails die letzten Jahre kennengelernt hat. Nicht das ich nicht kontakt-freudig wäre, aber irgendwo bleibt immer so ein wenig Skepsis, dass man sich vis-a-vis nicht wirklich versteht. Doch in Mannheim wurde die Skepsis mit jeder weiteren Begegnung davongespült. Denn jeder ob Martin, Dirk, Sebastian, Swen, Stefan oder Roland sind witzige und neugierige Persönlichkeiten für sich. Jeder weiss, dass er ein wenig Musik-Nerd ist, kann über sich selbst lachen und wird rot, wenn man ihm für sein gelungenes Set schmeichelt.

Mensch bist Du groß!

Vor allem ist es unglaublich amüsant und lustig plötzlich jeden einzelnen vor sich zu sehen. Während Dirk wie ein Leuchtturm auf einen herabschaut, blinzelt Martin schelmisch durch seine Brille und ist Sebastian der smarte Bizniz-Man mit dem wohl erfolgreichsten Netaudio-Label. Doch alle verbindet diese Idee fürs Netz. Die Querverbindungen und das Netzwerk zählen. Musik ist Hobby, Punkt.

Das ist gut so und verstellt nicht das Ziel. Erstaunlich für mich ist vor allem im Nachhinein, das sich in den Gesprächen herauskristallisierte das alle unter anderem mittlerweile auch eine große Verantwortung gegenüber ihren eigenen Künstlern antreibt. Das eigene Label ist nicht nur Profilierung und Spaß am Sound, sondern auch der Umgang mit Menschen. Da kommt es unweigerlich zu Querelen, Jubelsprüngen und Highlights.

Resumé

Nichts desto trotz beobachten die meisten ihr Werkeln auch selbstironisch und wissen um die grötenteils schrägen Sounds und MP3s die sie verwalten. Doch darin liegt gerade der Vorteil der Labels. Alle haben Kosten zu tragen, trotzdem können sie mit Hilfe des Netzes experimentieren, müssen sich nicht einem Sound verschreiben und loten den eigenen Geschmack aus.

Wer neugierig ist in einen weiteren Gema-freien Abend einzutauchen, der sollte sich die Kölner Popkomm vielleicht einmal vormerken. Wenn alles klappt, dann wird Thinner auch hier in Köln einen Abend gestalten, mehr dazu erfahrt ihr natürlich dann auch hier.

Links:

Sebastian Redenz: Thinnerism.com

Dirk Murschall aka [In]anace: Subsource.de

Martin Wisniowsko aka 020200: 2063music.de

Swen: swen.antville.org

Stefan Schmidt: nanoblogg.de

Joerg »Monsier J« Friedrichsen: ideology.de