Interview mit Neurotron

Neurotron gehörten bis vor kurzem zu einem der engagiertesten Acts auf Thinner. Nun scheinen sich die Wege zu trennen. Leider wurden sämtliche MP3-Releases von André und Axel aus dem Netz genommen, denn die beiden Minimal-Künstler planen nicht nur ein eigenes Label, sondern, sind mit einem eigenen Album auf schwarzem Vinyl am Start. Ein Grund für ein ausführliches Interview.

Phlow: Stellt Euch doch beide erst einmal vor! Wo kommt Ihr her, was macht Ihr (Studieren, Arbeiten…)…

Wir kommen aus der kleinen Stadt Güstrow, einer sehr alten Renaissance-Stadt im Nordosten Deutschlands. Ich habe die letzten drei Jahre Veranstaltungstechniker gerlernt und erfolgreich abgeschlossen. Zur Zeit mache ich eine Ausbildung zum Heilerzieher. Axel hat eine Ausbildung zum Fliesenleger gemacht und ist zur Zeit arbeitlos, es ist hier ziemlich schwer einen Job zu finden.

Phlow: Ihr gehört ja fest zum Stamm der Thinner-Künstler und produziert sehr melodische, dubbige und groovige Tracks. Früher war das, glaube ich anders, da habt Ihr eher die Detroit-Schiene gefahren. Wie kam die musikalische Entwicklung hin zum dubbigen Minimalismus?

Wir gehören nun nicht mehr zum festen Stamm der Thinner-Künstler. Wir machen uns erst mal etwas rar um uns auf viele andere Projekte zu konzentrieren.

Wir haben auch unsere Tracks von der Seite nehmen lassen, es besteht zu viel Interesse durch Vinyl-Labels an den Tracks. Auch haben wir einen Vertrag mit Deep & Dark Records unterzeichnet. Auf Deep and Dark(us) wird auch im July unser Full-lenght-Album: »Texture of you« auf Vinyl und CD erscheinen.

Musikalisch haben wir eine sehr vielseitige Entwicklung durchlebt. Wir kennen uns ja schon seit der Schule und haben damals sehr viel Punk, Industrial und EBM gehört. Es kamen dann die ersten elektronischen Partys hinzu und unser Interesse für elektronische Musik wuchs immer mehr. Ich fing an mir Vinyl zu kaufen und legte diese Scheiben freudestrahlend auf einem alten Holzplattenspieler auf. Am meisten beeinflusste uns die Stadt Detroit. Es waren Künstler wie Underground Resistance, Stacey Pullen, Octave One, Aux88 aber auch die Berliner Moritz von Oswald und Mark Enestus aka. Basic Channel und Maurizio.

Axel fing dann an in einem Plattenladen zu arbeiten und wir konnten immer tiefer in die Welt des Vinyls abtauchen. Wir wurden zu dieser Zeit immer mehr von minimalen dubbigen Sound beeinflusst. Vor allem die gesamte Kölner Schule, frühe Swayzak Scheiben, Deep Chord und Theorem haben sehr stark zu unser musikalischen Entwicklung beigetragen.

Phlow: Ihr kennt Euch seit der Schule und produziert schon ziemlich lange. Die meisten kennen Euch unter dem Synonym Neurotron auf dem Netaudio-Label von Sebastian Redenz. Habt Ihr auch schon Vinyls releasen können? Wie wichtig ist Euch das Medium?

Wir haben auf der Thinner-Allstars-Vinylcompilation einen Track beigetragen. Und wie gesagt es sind sehr viele Projekte und Pläne am laufen. Als nächstes erscheint auf DeepRecord(us)001 Paolo Venezani-Perpetual Green ein Remix. Und im July folgt dann das Album »Texture of you« an dem wir das letzte halbe Jahr ununterbrochen gearbeitet haben. Es wird ein sehr deepes Album werden. Alle Tracks können auf dem Floor gespielt werden sind aber gleichzeitig auch sehr gut geeignet um sie zu Hause zu hören.

Das Medium Vinyl ist uns sehr wichtig, es hat uns von Anfang an mitbegleitet und die Faszination für dieses geniale schwarze Scheibchen hält nach wie vor an. Aus diesem Grunde wollen wir auch demnächst unser eigenes Label »Night Drive Music« gründen. Es soll nicht in erster Linie eine Plattform für uns werden, sondern wir wollen anderen Artists die Möglichkeit bieten ihren Sound in die Welt zu bringen. Es werden sehr begabte Künstler aus Canada, Argentinien, Kalifornien und Deutschland dabei sein.

Phlow: Wie seid Ihr auf Thinner bzw. Sebastian Redenz & Co gestoßen?

Wir haben damals ein paar Songs auf Besonic veröffentlicht. Sebastian hat uns dort gefunden und gefragt ob wir nicht etwas für sein Internetprojekt Thinner produzieren wollen. Wir sagten sofort zu und er veröffentlichte über die Jahre zwei EP’s und etliche Remixe.

Phlow: Was hat Euch dazu bewegt Eure Musik »for free« zu veröffentlichen? Reicht Euch der Respekt oder habt Ihr ehrgeizigere Pläne Euer Können auch in Bares zu verwandeln? Was treibt Euch an?

Das Internet ist einzigartig als Komunikationsplattform, inbesondere für elektronische Musik. Es gab damals für uns keine andere Möglichkeit Menschen mit unserer Musik zu erreichen außer über das Internet und über Liveacts. Da wir durch das Vinyl grundlegend von Anfang an mitbeinflusst wurden und ich als DJ nur mit diesem Medium arbeite, werden wir uns in Zukunft mehr auf Vinyl-Releases konzentrieren. Was uns antreibt ist die Musik an sich und das Gefühl was sie vermittelt. Respekt und Geld sind dabei nicht ausschlaggebend sondern der Wille sich selber auszudrücken und zu verwirklichen. Wenn andere mit dieser Musik etwas anfangen können ist das sehr schön, wenn nicht ist es auch nicht so wild.

Der meiste Drive entsteht bei uns während der Arbeit mit unser Musik. Natürlich ist vorher ein Grundgedanke und eine Idee vorhanden, wenn wir aber beim Produzieren sind nehmen wir einfach Kontakt zu unserem Equipment auf und das Produkt ist das Gefühl dieses Moments.

Phlow: Wenn Ihr beide im Studio seid, produziert Ihr da noch mit richtigen Synthies und Drum Machines à la 909 oder habt Ihr Euch zum Laptop-Musizieren konvertieren lassen? Wie wichtig sind für Euch das Equipment?

Wir produzieren nach wie vor mit unserem Hardware-Equipment. Uns ist aber in der letzten Zeit das Medium Computer sehr wichtig geworden. Man ist mit einem Laptop sehr beweglich und man kann mit den Programmen schnell arbeiten. Außerdem bieten einige Programme Möglichkeiten die mit low-budged-Equipment oft schwer zu realisieren wären. Es ist nun für uns auch etwas einfacher live zu spielen, da wir nicht unser gesamtes Studio auseinanderkabeln und verfrachten müssen. Es ist für uns eher wichtig sein Equipment zu kennen anstatt sich auf eine Sache zu beschränken. Wir sind keine Puristen die sagen: Wir nutzen nur analoge oder nur digitale Technik.

Phlow: Rockt Ihr auch mit Live-Sets das Publikum? Wie wichtig ist das für Euch?

Es ist von uns von Anfang sehr wichtig für uns gewesen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl einen Floor unter Kontrolle zu haben. Wir können uns dann komplett auf das Publikum konzentrieren und unseren Liveact genau in die Richtung lenken, die es braucht um einen wundervollen, deep und kickenden Abend zu durchtanzen. Es bedeutet uns sehr viel live zu spielen nur ist es in letzter Zeit etwas seltener geworden.

Phlow: Wie wichtig ist für Euch das Internet? Benutzt Ihr es nur als Kommunikations-Plattform oder auch zum Musizieren?

Uns ist das Internet sehr wichtig. Wir nutzen es sehr stark um international Kontakte zu knüpfen. Auch nutzen wir es um mit anderen Artists zu produzieren und mit ihnen Projekte zu gestalten. Viele Sachen wären bei uns ohne das Internet nicht möglich gewesen.

Phlow: Das Internet ist ja hauptsächlich visuell organisiert und trifft den Sehnerv. Eure Cover entwirft Erik Klingbeil (http://www.cubelab.de)? Wie kam es zu der Kooperation, die so wunderbar Eure minimalistische Musik unterstreicht?

Wir kennen Erik schon sehr, sehr lange. Er war vor langer Zeit der erste Veranstalter von Technoparties in unserer Stadt. Er war auch einer der ersten DJs hier, der ausschließlich Sound aus Detroit auflegte. Diese Parties und seine Musik haben sehr viel zu unserer musikalischen Entwicklung beigetragen. Er ist dann nach Berlin gezogen und konzentriert sich heute auf Artworks und Videos. Wir sind immernoch gute Freunde und er wird auch das Artwork für unser gesamtes Label machen, welches für uns eine sehr große Ehre ist.

Phlow: Was kann man von Euch in Zukunft erwarten? Was plant Ihr und erhofft Euch von der Zukunft?

Wie gesagt werden demnächst Veröffentlichung auf dem Label Deep and Dark Recordings erscheinen. Dann planen wir dieses Jahr noch unser eigenes Label: »Night Drive Music«. Wir lieben die Musik und können gar nicht ohne diese exsistieren, daher werden wir uns in Zukunft extrem darauf konzentrieren diese Projekte voranzutreiben und vor allem mehr live zu spielen.

Phlow: Vielen Danke ihr beiden, für das Interview!

Mehr Infos über André und Axel bzw. Neurotron findet Ihr auf www.deepanddark.com bzw. www.deepanddark.de.