Kolumne
Wie das Teilen unsere Kultur verändert... Nischenkultur: „Here comes everybody!“

OPAK Kolumne „Zäsur" – von Moritz „mo." Sauer

Zäsur bedeutet Einschnitt. Und Einschnitte schmerzen, brechen womöglich Dinge auf, legen frei und verändern. So wie derzeit die Vernetzung per Internet die Strukturen unserer Kultur verwandelt. Was zuerst als kleiner Schluckauf im System mit Napster begann, entwickelte sich in den letzten Jahren zunehmend zu einer Bedrohung der Medien selbst. Wir erleben, wie alte, schwere und riesige Gerüste wackeln.

Ich bin drin! Du auch! Mitten drin in einem kulturellen Umbruch. Denn bevor wir realisiert haben, was da gerade alles schwankt, zerbricht und mutiert, kurbeln wir bereits selbst ordentlich mit. Was früher „den Medien" vorbehalten war, dürfen jetzt alle. Die Alleinstellungsmerkmale Produktion und Vertrieb – ehemals in der Hand der Industrie und den Großen – stehen immer mehr Menschen zur Verfügung: ein minibisschen Datenautobahn reicht.

Während der eine als Blogger täglich publiziert und Tausende Leser erreicht, „verschenkt" und vertreibt der Nachbar Filme, Musik und Texte in Form digitaler Daten. Mal nutzt er Filehoster wie Rapidshare, Netload oder Megaupload, mal bedient er sein P2P-Netzwerk oder rennt mit seinem Terabyte-USB-Stick herum. Ergebnisse und Inhalte dieses Teilens finden wir alle mit dem Google-Monster. Als Anwender freue ich mich und mache mit. Als Journalist bereitet mir das manchmal arge Kopfschmerzen. Wie soll man denn noch von selbstproduzierten Inhalten leben? Wie von Texten? Wie von Musik? Wie von Filmen? Alles im Netz, alles ömesöns, wie der Kölner sagt …

Doch bei all diesem Durcheinander, dieser Qual, leuchtet durch die Ritzen auch eine großartige Chance. Diese fußt auf der Idee namens Gift Economy. Die belohnt dich, mich und die anderen nicht mit dem schnöden Mammon Geld, sondern mit Karma, Ehre, Loyalität und anderen Formen der Dankbarkeit. Immer dann, wenn wir etwas teilen und verschenken.

Wer hätte denn zum Beispiel gedacht, dass es weltweit eine dermaßen atemberaubende Gemeinschaft von 8-Bit-Nostalgikern und Liebhabern quietschiger Gameboy-Musik gibt. Die veröffentlichen Chip Music zum freien Download auf illustren Plattformen wie 8bitpeoples.com, micromusic.net oder Jahtari.org. Sie teilen engagiert die eigene Leidenschaft mit diesem Teufelswerkzeug WWW.

Aber es bleibt nicht nur beim digital vernetzten Stubenhocken, nö, man will ja auch seine eigenen Superhelden wie Goto80 knuddeln. Und schwupsdiwups entsteht ein Forum wie das Blip Festival für diese Nische, und wir fühlen wieder festen, realen Boden unter den Füßen. Auf dem feiern die Geeks frenetisch zu krächzenden und brazzelnden Sounds aus der totgeglaubten Spielekonsole.

In diesem Sinne: Krabbel hinein und erforsche die Nischen! Oder heb gleich deine eigene Nische aus dem Nichts. Teilen ist etwas Wunderbares! Und daraus entsteht meist nur Gutes.