Loop-Magazin
The Virtual Songwriter
Hakan Lidbo ist ein lebendes Uhrwerk. Man möchte fast glauben, man hätte es mit einer Mensch-Maschine zu tun angesichts seines Produktionswahnsinn. Es vergeht nicht eine Woche in welcher der Schwede nicht auf irgendeinem Label einen neuen Track oder eine EP herausbringt. Dabei komponiert und programmiert der 37-jährige täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr. Abends wird dann das Studio abgeschlossen und führt ihn in ein genauso normales Leben mit Frau und zwei Hunden, wie er augenzwinkernd versichert.
Fast täglich mischt das Organisationstalent einen neues Stück ab und fühlt sich dabei scheinbar in jedem elektronischen Genre Zuhause. Ob TechHouse für Steve Bug auf Pokerflat, ob Vocal-Disco-House für Loaded oder jetzt Vocoder-infizierten Pop auf Force Inc., die Stationen sind zahlreich und brechen nicht ab. Mit seinem neuesten Projekt Data 80 widmet er sich jetzt erstmals seit vier Jahren wieder ausführlich dem Pop und rückt den 80ern noch einmal so richtig auf die Pelle. Dabei ist ihm klar, dass er einigen seiner »Fans« vor den Kopf stoßen wird, die ihn für seine Clicks’n’Cuts und technoiden House-Alben so lieben, doch das ist ihm egal. Schließlich gibt es nur gute oder schlechte Musik, wie er behauptet. Und ob Musik gut ist, hat schließlich nichts mit Geld zu tun. Darum versteht er auch die Grabenkämpfe zwischen Underground und Mainstream nur teilweise: »Guter Geschmack wechselt ständig. In den 80ern dachten wir, die Musik die Du im Radio hörst ist Schrott. Heute ist sie total hip. Vielleicht sind 2Unlimited die neuen Stars der Pop-Junkies von morgen. Als ich mich entschied ein reines Pop-Album aufzunehmen, habe ich mir da so eine Geschichte ausgedacht von einem virtuellen Songwriter, einem Computerprogramm, dass zur ganzen Musikgeschichte Zugang hat und das beste aus allen Stilen kombiniert.«
Das nämlich ist auch Hakan Lidbo’s Traum. Irgendwann einen eigenen Stil zu kreieren. Einen Stil der die Musikwelt für kurze Zeit auf den Kopf stellt, so wie z.B. Drum’n’Bass. Enthusiastisch berichtet er davon, wie großartig und spannend die Zukunft sein wird: »Stell Dir doch einmal vor, was es in der nahen Zukunft für Musikstile geben wird, wenn erst einmal Länder wie Afrika oder Süd-Amerika mit dem Internet verbunden sind und der Zugang zu Computern und Musikprogrammen steigt. Da erwartet uns noch großartiges!«
Großartig ist auch sein Album. Das seufzt in vollen Zügen »Digital Disco« und bedient sich ausschließlich an eigenen Sounds und Samples. Emanzipiert produziert Hakan Lidbo lieber sämtliches Material selbst anstelle Funk-Loops durch den Filter zu jagen. Obendrein singt Hakan Lidbo entweder selbst oder ordert seine Frau ans Mikro. Entstanden sind dabei Songs, die trashig anmuten, in ihrer Tiefe jedoch unglaublich lebendig sind. Neben Disco-orientierten Beats die voller Kraft auf warmen Bässen hüpfen, gibt es auch den ein oder anderen Ausflug in 2-Step-Gefilde. Kunstvoll verbindet Hakan Lidbo auf Data 80 Pop mit seinem Wissen aus anderen Genres und hat sich für dieses Projekt weit mehr Zeit genommen, als für seine Vorgänger. Schließlich sollten die Vocals »clear and crisp«. Auch wenn man ihm vorwerfen kann, dass das 80ies Revival sich längst totgelaufen hat, und er ein wenig spät daherkommt, so ist jedoch das Projekt lupenreiner Pop mit viel Liebe zum Detail.
(Moritz Sauer)