Portrait
Dzihan und Kamien: Wie die Väter so die Söhne

Wer an den »Sound of Wien« denkt, dem kommt wohl als aller erstes das Produzenten-Duo Kruder & Dorfmeister in den Sinn. Wie niemand anderes haben die beiden Spezialisten des legèren Abhängens das Sofa-Surfen geprägt mit ihren luftigen Beats und Melodien. Doch neben K&D und den Vienna Scientists gibt es auch andere vielversprechende und mittlerweile gut bekannte Acts und Musiker. Dazu gehören auch zweifelsohne die beiden Wahlwiener Dzihan und Kamien. Nach ihrem erfolgreichen Debütalbum »Freaks and Icons« melden sie sich nun wieder zurück mit einem gepflegten und wunderbar runden Album.

»Man muss eine gewisse Hoffnung kultivieren, wenn man länger in Wien lebt. Die Stadt hat viel Charme, aber auch jede Menge Depressionspotential, denn es ist eine schwermütige Stadt«, erklärt Kamien ihren Hang zu melancholischen Songs. Neben ein wenig Pathos werden diese vor allem mit südländischem Charme, der durch die eigenen Blutbahnen fließt, und leicht orientalischen Anleihen gewürzt. Negatives im eigenen Leben verwandeln die beiden studierten Musiker in lebendige, teilweise süße Songs, die mit liebevollen Details und jeder Menge live eingespielter Instrumente glänzen.

Nachdem sie sich aus ihrem alten Plattenvertrag loseisen konnten, stellen sie sich nun selbst die Budgets zur Verfügung. Ihr eigenes kleines Label Couch Records soll zwar in Zukunft weitere Künstler nach vorne bringen, doch in erster Linie wurde es für die eigenen Produktionen ins Leben gerufen. Man managt sich selbst und gibt selbstverantwortlich Geld für die eigenen Produktionen aus. Das durfte dann auch ein kleines Haus in der Toskana sein, in welchem, losgelöst von der Metropole Österreichs, die Layouts der Tracks skizziert wurden.

»Anschließend haben wir dann Aufnahmesessions in Wien, London und Istanbul gemacht und später selektiert«, berichtet Dzihan begeistert. Stolz berichtet er, dass 80 Prozent des Album-Materials von befreundeten, oftmals türkischen Musikern stammt und: vom eigenen Vater. Herr Dzihan und Herr Kamien waren in ihren jungen Jahren nämlich selbst Jazz-Musiker. Während Herr Kamien sich später für den Beruf als Architekt entschied, tourte Herr Dzihan durch die Ostblockstaaten. Übrig blieben, abgesehen von den Erfahrungen und Geschichten, alte Tonspuren, die für den ein oder anderen Track auf »Gran Riserva« als Backbone dienten. Glücklich und mit Enthusiasmus erklärt Dzihan, dass es auf der einen Seite »unique« und auf der anderen »selbstverständlich« war, mit dem Material des eigenen Vaters zu arbeiten. Selbstverständlich vor allem deswegen, weil beide, Dzihan und Kamien, mit einer großen Liebe zur Musik der eigenen Eltern aufwuchsen und immer in ihrem musikalischen Streben unterstützt wurden.

So versteht man auch das Albumcover, auf welchem man die beiden alten Herren in humorvoller Pose vor zwei Plattenspielern erkennt, als Hommage an die Vorbilder. Liebevoll und mit Respekt wird hier dem »gereiften, alten Jahrgang« Danke gesagt für die Unterstützung. Mit einem variantenreichen Album verneigt sich somit die jüngere Generation und errichtet ein gelungenes Denkmal für die Väter.