Web 2.0 und so...
Web-TV: Der eigene Musik-TV-Programmdirektor

Sein wir doch mal ehrlich! Wer glotzt heute noch TV? Also ich so gut wie gar nicht, höchstens eine Runde K1-Prügelei auf Eurosport. Und Musikfernsehen ist für mich sowieso tabu. Schließlich verkaufe ich mich nicht freiwillig und bimmel mich voll Clips voll, die die Musikindustrie mich sehen lassen will. Ich warte lieber und, huch!, das Musikfernsehen kommt zu mir. Das Programm gestalte ich als TV-Direktor selbst.

Radio und im Fernsehbereich insbesondere das Musikfernsehen zielen darauf ab, genügend Hörer und Zuschauer zu generieren, um anschließend die „Kunden“ an die eigentlichen „Kunden“ zu verkaufen. Im Klartext: Radiohörer verkauft ein Sender an die Werbemaschine. Das Musikfernsehen in Deutschland, in erster Linie VIVA, ging da noch einen Schritt weiter. VIVA gründete die Musikindustrie gleich selbst und baute sich so den eigenen Werbekanal auf.

Seit mehreren Jahren schüttelt das Internet – das ist nichts Neues – die alten Medien ordentlich durcheinander. Immer größere Konkurrenz entwickelt das neue Medium gegenüber dem altgedienten Fernsehen. Dickere Datenleitungen ermöglichen immer großzügigere Videostreams. Alleine 30% des Datenverkehrs produzieren mittlerweile Bittorrentnetzwerke, über die nicht nur Musik, sondern vor allem auch Filme illegal vertrieben und gesogen werden. Aber nicht nur illegale Tauschnetzwerke knabbern an den Einschaltquoten. Auch die Video-Communities, die nach dem Vorbild YouTube, als Klone kontinuierlich aus dem Boden schießen, ermöglichen einen alternativen Kanal. Clips werden zu Playlists zusammengestellt und geteilt.

Doch jetzt kehrt das Musikfernsehen zurück. Und verwandelt sich in das Web-TV. Exponiert und selbstbewusst positionieren sich neue Sender, Formate und Musik-TV-Communities und kuscheln sich dem Zuschauer ans Herz. In der Regel bieten die neuen Sender anstelle eines Kanals die Möglichkeit eines persönlichen Kanals. Geschaut, wird was zusammengeklickt wird. In Deutschland vorne mit dabei ist zum Beispiel Bunch.tv. Zwar hakt es noch mit der Benutzerfreundlichkeit, die Inhalte von Clips über Reportagen entpuppen sich jedoch als höchst professionell. Kein Wunder: alte VIVA II-Macher operieren hinter den Kulissen. Ein weiteres Musik-TV-Produkt auf digitalen Schienen ist sly-fi.com. Wie wir es gewohnt sind, dürfen wir uns hier Code-Snippets schnappen und ins eigene Blog packen. Sehr schön und für Jazzliehaber jenseits altbackener Wege schaut auch freshproduce.de aus. Entstanden aus einer Diplomarbeit und unter den schützenden Armen von Jazzthing und Bunch.tv sehen wir hier jazzigen Underground, frisch und unverbraucht. Und richtig gut, machen es uns besonders die Schweizer mit dem Bkanal.ch vor. Sie nennen es Breitbandmagazin und zeigen uns Musikclips, Reportagen und so…

Sicherlich gibt es in Zukunft noch mehr. Spannend beobachte ich dabei, ob das Internet wohl das Fernsehen als erstes Medium schlucken wird. Die ersten Geräte versprechen die Verschmelzung von Netz und Fernsehen in einem Gerät. Das erlaubt dann einen passives berauschen oder aktives Suchen nach Video & Co. Wohl bekomm’s!