Netlabels: Musikmodell der Zukunft

Musik liegt immer häufiger virtuell auf Festplatten gestapelt, ob auf dem eigenen Laptop, in der Funke oder im MP3-Player. Nichts liegt also näher die Sounds als Künstler und Labelbetreiber gleich virtuell zu liefern. Netlabels zeigen wo der Hase läuft, kehren der Industrie den Rücken und vertreiben ihre Musik einfach selbst.

Letztens am Stammtisch meinte Arne: „Sein wir doch mal ehrlich! Das Format CD ist tot. Und Vinyl lebt nur noch, weil DJs immer noch auf diesen warmen Sound schwör’n und in jedem Club die Technics stehn‹. Und, weil wir alten Säcke, einfach gerne was mit Nostalgie in den Händen halten. Aber im wahren Leben wird Musik immer mehr von MP3-Playern und Mobiltelefonen abgespielt. Der Mensch ist faul und Downloads liegen schneller auf der Festplatte, als Du in Deinen Plattenladen marschiert bist. […]“.

Der digitale Umbruch

Mit dem Einzug der Möglichkeit Inhalte eigenständig zu digitalisieren bekam der normale Bürger Ende der 90er die Chance an die Hand - die andere als Waffe verstanden - Musik, Bilder, Filme und Bücher in Form von Bits & Bytes abzuspeichern. Und Material dass einmal in Nullen und Einsen auf der Festplatte liegt, kann ewig und verlustfrei kopiert werden. Zuerst nur via CD-Brenner und heute über schnelle Datenleitungen, externe Festplatten in Form von MP3-Playern oder Mobiltelefonen. Ach, und Webspace kostet heute auch nur noch einen Klacks und schwups stehen die Sounds der ganzen Welt zur Verfügung.

Genau diesen Umbruch hat Marc „Prymer“ Wallowy, Labelhead von Tokyodawn.com, als junger Musiker mitbekommen. Der heute 26-jährige Medienkunst-Student hat 1997 sein Netlabel gegründet und gehört mit Tokyo Dawn zum Urgestein der Szene. Angefangen hat alles mit Tracker-Modulen, Musikdateien, die gleichzeitig Samples als auch Sequenzerdaten beinhalteten. Die sogenannten Modules waren in der Regel ca. 300-700 Kilobyte klein und wurden schon früh in der Demosszene über Disketten und später BBS-Boards vertrieben. Label-Charakter bekamen diese Module-Sammlungen aber erst mit dem Aufkommen des WWW. Denn Webseiten lieferten nicht nur Download-Links, sondern brachten mit Infos und Bildern dem Zuhörer auch die Künstler näher. Mit dem Siegeszug des MP3-Formats stiegen auch die Netlabels auf das damals noch neue Format um – so auch Tokyo Dawn.

Heute gehört es innerhalb der Netlabel-Szene zum guten Ton seine Netaudio-Klänge als 192kbps-MP3 zu vertreiben. Einer Qualität, die Downloads von Musicload & Co. im Klang weit abschlägt.

Tokyo Dawn - The soulful Side of the Web

Screenshot tokyodawn.com – Gigs & Radioshows

Auch heute schwimmt das HipHop- und R’n’B-Netlabel ganz oben mit. Über die Jahre hat Tokyo Dawn sich nicht nur im Web mit satten Releases, sondern auch auf Konzerten und DJ-Gigs seine Lorbeeren verdient. Das Label versteht sich dabei als Kollektiv, denn Marc Wallowy versammelt auf seinem Label Künstler, die über den Globus verstreut wohnen und agieren. Da ist zum Beispiel Resound aus Finnland, der kontinuierlich Russland mit seinen Sets verzückt, wenn er nicht gerade Soundtracks zu japanischen Videogames komponiert. Da droppen die Blaktronics aus Oakland ihre Reime, die früher mit Prince zusammengearbeitet haben, über Beats, die der junge Comfort Fit in Deutschland produziert, und, und, und…

Screenshot tokyodawn.com – Artist-Profil Comfort Fit

Der freshe Comfort Fit selbst lässt mit Hilfe seiner Tracks deutsche als auch internationale HipHop-Produzenten recht alt aussehen. Dabei kitzelt er aus seiner MPC und seinem Laptop Beats, die ihresgleichen suchen. Gefallen hat das nicht nur Mercedes Benz, die versuchen mit seinen Beats Luxusautos zu verkaufen, sondern auch De-Phazz, die er remixen durfte.

Comfort Fit, Pressefoto

Comfort Fit, Pressefoto

Comfort Fit, Pressefoto

Comfort Fit, Pressefoto

Comfort Fit, Pressefoto

Comfort Fit, Pressefoto

Doch trotz der monetären Erfolge veröffentlicht Boris Mezga sein neues Album „Forget and Remember“ wieder auf Tokyo Dawn - als freies virtuelles Release versteht sich.

Screenshot tokyodawn.com – Release-Seite tdrlp01

Außerdem steht die neue 2xLP Compilation „Renovations“ ins Haus mit edlen Rap, Jazz, Funk und Disco-Tunes. Unter anderem an Bord sind altgediente wie 4th Disciple & Sonz of God (Wu Tang), Maddslinky, Inverse Cinematics, Dirty Star, Cvees,…

Digitale freie Kultur

Die Musik selbst lagert das Netlabel auf den Servern von scene.org. Neben dem Musikdatenparkdeck von archive.org bilden diese FTP-Server das Rückgrat der Netlabels. Denn die meisten Netlabels könnten die Server-Last, die durch die Downloads entstehen, selbst nicht tragen bzw. bezahlen. Kein Wunder also, dass diese virtuellen Plattformen zum Dreh- und Angelpunkt der Szene geworden sind.

Großartig sind diese Datenumschlagplätze aber auch für Musikliebhaber. Während ein Techno-Label nur eine begrenzte Anzahl von Vinylen presst, die irgendwann vergriffen sind, kann sich der Surfer bei fast allen Netlabels rückwärts durch den Backkatalog wühlen.

Das Netlabels ein Weg des Musikvertriebes der Zukunft sind, zeigt auch das konstante Wachstum des Netlabel Catalogues unter www.netlabels.org. Das Verzeichnis beherbergt mittlerweile mehr als 200 Netlabels, die sich selbstständig vorstellen und musikalisch einordnen. Ein guter Startpunkt, um in die Netlabel-Welt abzutauchen.

Glossar

Netaudio

Der Begriff Netaudio wurde von der Zeitschrift De-Bug/ Sascha Kösch geprägt, die zu diesem Begriff am 15. Juni 1999 eine eigene Newsgroup unter http://groups.yahoo.com/group/netaudio/ ins Leben rief. Netaudio bezeichnet Musik aus dem Netz und taucht oft im Zusammenhang mit dem Thema Netlabels auf. Ob Radio- oder Musik-Streams, ob MP3s, Ogg Vorbis oder DRM-geschützte Formate, Netaudio dient als Oberbegriff für Sounds, die aus dem Web zu fischen sind. Für viele steht Netaudio auch als Synonym für kostenlose legale Musikdownloads.

Archive.org

Das Internet-Archiv unter archive.org hat es sich zur Aufgabe gemacht, Netz-Material zu sammeln und abzuspeichern. Archive.org nimmt historische Abdrücke des sich kontinuierlich mäandernden Webs. So reist man mit der WaybackMachine zurück und kann sich alte Websites anschauen. Darüberhinaus bietet das Archiv unter der Leitung des Kurators Simon Carless ein Heim für Netlabels und deren Musik. Auch historische Filme findet man zum kostenlosen Download. Definitiv eine Website für „Digger“.

Sounds, Informationen und so…