Heisse Kapelle: Web-Radio versus Podcast

Neugierige Musikliebhaber hören schon lange kein Radio mehr. Wann entdeckt man im Duddelfunk-Strom schon einmal eine neue Perle oder muss nicht angewidert abschalten? Dafür tunen wir lieber unser Ohr gen Internet. Nischen-Web-Radios sind unsere Lösung oder Podcasting, der neue Trend des zeitversetzten Radio-Hörens.

Karusselfahren bis zum Erbrechen

Zwei Jahrzehnte nach der Zulassung des Privatfunks stellt sich die deutsche Radiolandschaft als ein ödes und von immergleichen Musik-Konzepten plattgewalztes Flachland dar. Grund sind die überall laufenden Rotationen. Rotationsplätze, das sind die heißbegehrten Radio- und Musik-TV-Schleifen, in die sich (fast) jeder Künstler wünscht. Denn dann, so verspricht die Rotation, wird sein Song so lange durchgenudelt, bis die Hörer von der Qualität des Stückes überzeugt sind, eifrig in den Laden stürmen und die CD ergattern. Das die meisten Zuhörer schon längst von der Rotation paralysiert wurden, oder würgend abgeschaltet haben, vergisst die Musikindustrie beflissentlich. Aber hey, es geht auch anders. Wie immer heisst das Motto: Nicht Jammern, sondern selbst aktiv werden! Und das funktioniert heute dank Internet eigentlich ganz gut. Eigentlich, wenn nicht…

…die GVL dazwischenfunkt.

Seit April 2004 betreiben die beiden Studenten Koni Kolon und Varian Vegas ihr eigenes Web-Radio www.infectedradio.com. Das hat sich ganz den progressiven Club-Sounds of Now verschrieben. Gestreamt wird über einen Server in Frankfurt, doch das kleine Studio ist im Randbezirk von Köln zu finden. Denn im übersichtlichen Widdersdorf wohnt ganz souterrain der 23-jährige DJ Koni Kolon und schläft direkt neben seinem Mischpult und den Monitorboxen. Jede Woche trudeln bei ihm DJs aus der Umgebung ein und moderieren live ihre Sendungen. Das einzige was man sich hier verdienen kann ist der Respekt der Zuhörer, die gerne den Chatraum besiedeln.

»Das Interesse am Radio habe ich schon seit vielen Jahren, die Idee ein eigenes Internetradio zu betreiben ist jedoch erst konkret geworden, als mir die Möglichkeit der Umsetzung bewusst wurde.« Denn benötigt wird nur eine Open Source Streaming-Software wie die von Icecast.org und dann kann’s losgehen.

Wenn nicht gerade die GVL, die Gesellschaft für Verwertung von Leistungsschutzrechten, die Tarife so derbe in die Höhe schraubt, dass ein jedes kleines Webradio die Flügel streicht angesichts der Schwierigkeiten und verteuerten Tarife, die mit den neuen Bedingungen auf sie zukommen. Greifen sollen die exorbitanten Tarife ab April. Im Fadenkreuz der GVL befinden sich hierbei vor allem Chart-Web-Radios, die stumpf die neuesten Mainstream-Songs und manchmal einfach ganze Alben am Stück ausstrahlen.

Leider treffen die neuen Maßnahmen aber mal wieder die Falschen. Nämlich die Nischenradios, die es sich gerade zur Aufgabe gemacht haben jenseits von Gut und Mainstream ihren Underground-Sound publik zu machen. Verdienen tun die wenigsten an ihrem Hobby, trotzdem sind sie unheimlich wichtig. Bleibt zu hoffen, dass die GVL nicht durchdreht und Sonderlösungen findet. Aber es geht auch noch anders: Stichwort Podcasting.

It’s a Podcast-Thang!

»Podcast« bzw. die aktive Form »Podcasting« ist ein Kunstbegriff aus »iPod« und »Broadcasting« und wurde im letzten Jahr vom Ex-MTV-Moderator Adam Curry erfunden. Podcasting kann man als eine Art zeitversetztes Radiohören bezeichnen, da die Radiosendungen nicht live gestreamt, sondern als Download zum Abruf vorliegen.

Mit einem News-Aggregator (siehe Box) können die neu erschienenen Audiodateien automatisch in die Apple-Musiksoftware iTunes übertragen, und von dort auf den iPod gebeamt werden. Natürlich können auch iPod-lose Benutzer den Lieferservice nutzen. Denn es spielt am Ende keine Rolle mit welcher Soft- oder Hardware die Audiodateien konsumiert werden. Es sind meist sowieso mp3s.

Ob es eine neue Radiosendung, ein Musikstück oder frische Soundsnippets gibt, erfährt die Software über eine RSS (siehe Box)-Datei. Diese abonniert man mit seinem News-Aggregator, der dann kontinuierlich die Abos nach neuen Audio-Dateien checkt. Die Newsreader, auch Podcatcher genannt, können in der Regel kostenlos aus dem Netz bezogen werden und spielen die Audio-Dateien oft im Player Eurer Wahl ab. Zu den Open Source- und Freewareprogrammen gehören unter anderem Ipodder, Nimiq und Jpodder.

War Podcasting vor ein paar Monaten noch ein Internet-Hype, mausert sich die Idee mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Technik. Das weiss auch Fabio Bacigalupo, der hinter der deutschen Website www.podcast.de steckt. »Podcasting kann man keinen Hype mehr nennen. Die Angebotsvielfalt an Podcasts ist bereits jetzt überwältigend. Es gibt viele neue Services, die sehr vielsprechend sind und etliche existierende Projekte bieten Podcast-Unterstützung. Ich denke Podcasting ist ein gutes, erstes Beispiel für die nächste Generation der Aggregierung, Bereitstellung und Auslieferung multimedialer Inhalte, die durch die intelligente Verknüpfung von Meta-Informationen und deren maschinelle Verarbeitung geprägt ist.«

Zum Glück entstehen mittlerweile auch erstklassige deutsche Podcasts. Die reichen von Musik und Literarischem über Regionales und Wissenschaftliches bis hin zur Satire. Vielleicht rettet Podcasting somit das Radio!?!

Podcasts und so…

Podcatcher: Podcast-Software

Glossar

RSS

RSS ist ein auf XML beruhendes Dateiformat für die Verbreitung (Syndizierung) von Inhalten und steht für »Rich Site Summary«. In Form so genannter RSS-Feeds veröffentlichen Webmaster die Schlagzeilen ihrer Website in einheitlicher, maschinenlesbarer Form. Stellt zum Beispiel Adam Curry eine neue Radiosendung über sein Blog www.dailysourcecode.com online, wird gleichzeitig zu seinem Weblog-Eintrag ein neuer RSS-Podcast-Feed generiert. Dieser kann über eine konstante URL abgerufen und anschließend von Scripten und Newsreadern ausgelesen werden. Weitere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/RSS

News-Aggregator

Ein News-Aggregator, auch Newsreader genannt, funktioniert wie eine selbsteingestellte bzw. zusammengestellte Zeitung. Nachrichten, die sogenannten »Feeds«, werden hierbei von den unterschiedlichsten Quellen bezogen, sprich downgeloadet. Aus diesen Feeds generiert das Programm dann die darzustellenden Inhalte. Die »Feeds« werden vom Benutzer in der Regel selbst abonniert und zusammengestellt. Podcast-Aggregatoren laden zusätzlich die verlinkten Audiodateien automatisch herunter und schieben sie auf Deinen iPod.