Oh, Nein! Nicht noch mehr 80ies.
Good Taste Is Always Changing.

So werden wohl viele der ersten Reaktionen auf die Vocoder-infizierten und Kitsch-behafteten Melodien sein. Außerdem kratzt man sich verwundert den Kopf, kommt diese Pop-Infusion doch vom Clicks’n’Cuts-Label Force Inc. Ziemlich irritiert werden sich da wohl einige fragen, was schmatzende Offbeat-Basslines und Plastik-Disco-Pop mit den vorherigen formal-strengen Veröffentlichungen gemeinsam haben. Da wittert man dann den Ausverkauf und schaut noch einmal genauer hin und enttarnt Håkan Lidbo als Aktionisten hinter Data 80. Doch bevor nun Fans wie in alten Milli Vanilli Zeiten gen Plattenladen stürmen, um enttäuscht das glitzernde Vinyl in einer wutschnaubenden Aktion zu zerstören, sollten wir vielleicht zuerst einmal hinter den Vorhang schauen.

Der Self-Made Man

Eingeweihte Clubber und DJ’s kennen Håkan Lidbo schon seit geraumer Zeit und wissen das der Vollzeit-Produzent immer wieder für eine Überraschung gut ist. Wo andere unter zahlreichen Synonymen veröffentlichen, da bedient er sich unterschiedlichster Labels (Plastic City, X-Trax, Frogman, Drought…). Dabei liebt er es sich dem Sound des jeweiligen Labels anzunähern. Ob nun TechHouse auf Steve Bugs Pokerflat Label oder abstrakte Clicks’n’Cuts auf Force Inc., das Multitalent beackert so gut wie jedes elektronische Genre.

»Ich möchte von jedem Style lernen mit dem ich mich auseinandersetze. Denn dann kann ich den Minimalfunk von TechHouse mit Pop-House verbinden, kann die Rhythmen meiner Latin-House-Tracks in minimale Clicks’n’Cuts einarbeiten.« Träumend erzählt er weiter: »Vielleicht erfinde ich eines Tages sogar einen vollkommen neuen Style.«

Effizienz, Organisation und Talent

Der Output ist schon bewundernswert den Håkan Lidbo vorlegt. Dabei beschreibt er sich selbst als einen eher faulen Menschen, der nicht stundenlang an einem Drum-Sound herumexperimentiert bis er sitzt. Denn er kennt sein Studio in und auswendig und hat sich über die Jahre eine große Bibliothek an Sounds, Samples und Percussion aufgebaut. Wie ein Bizniz-Man »arbeitet« er jeden Tag von 9:00 – 19:00 Uhr und viele seiner Mixe entstehen in Echtzeit. »Wenn Du Dein Equipment sehr gut kennst, dann ist elektronische Musik sehr nah an improvisiertem Jazz. In den Jam-Sessions mit meinem Computer drehe ich an den Knöpfen meines Analog-Equipments und kann so beide Hände benutzen. Habe ich einen Vocal-Track fertig abgemischt, lösche ich das Arrangement und mache aus den gleichen Sounds vielleicht noch einen DeepHouse Track. Das hört sowieso keiner.«, verrät er konspirativ.

Data 80 – Ironische Vocals und die Liebe zu Pop

Der Schwede scheint vor Musik zu platzen. Sein neues Album entstand aus der Liebe zu Pop und Underground. Seine Idee war es Underground Music mit netten süßen Melodien zu präsentieren. Dabei hofft er darauf, dass es ihm gelungen ist weniger Cliché-behaftete Songs geschrieben zu haben als für den Mainstream üblich. Außerdem brauchte er eine kleine Pause, um von seinen experimentellen Stücken ein wenig Abstand zu bekommen. Natürlich ist er sich im klaren, dass er mit Data 80 einigen seiner Fans vor den Kopf stoßen wird. »Aber vielleicht hören sie noch ein zweites Mal gut hin und verstehen, dass nicht Geld und Ruhm zwischen Underground und Pop entscheiden, sondern dass es nur gute und schlechte Musik gibt.« Selbstverständlich hat sein neues Album ironische Momente, ist in seinen besten Momenten trashy und kitschig, aber er versteht es als Hommage und nicht als zynisches Herabschauen auf Pop.