Filmkritik
Neurosen, Menschlichkeit und Humor
Erst drei Bücher hat Nick Hornby geschrieben, und alle wurden schon auf Celluloid verewigt. Nachdem die Briten den Fußball-Film »Fever Pitch« selbst produziert hatten, ergatterten die Amerikaner die Drehbuchrechte für »High-Fidelity« und hievten die Geschichte nach Chicago. Leider überzeugte John Cusack nicht so wirklich in der Rolle des Plattenladenbesitzers und den DJ nahm man ihm auch nicht ab. Wo das Buch mehr nach staubigem Plattenladen roch, der Mief des Clubs eindringlicher war, geriet der Film ein wenig zu poliert.
Trotzdem war der Film ein Erfolg. Und darum sicherten sich die Amerikaner schnellstmöglichst die Rechte an Hornby’s nächstem humoristischen Werk »About A Boy«. Glücklicherweise einigten sich die Produzenten diesmal jedoch auf London. Wer hätte sich auch vorstellen können, dass der spleenige Protagonist Will ein Amerikaner ist? Geht man doch fast schon selbstverständlich davon aus, dass der typische Londoner ein modisch versierter, extrovertierter Neurotiker ist. Schwer konnte man sich außerdem vorstellen, dass Hugh Grant den Hänger und Schnösel Will mimen könnte.
Doch er hat es geschafft. Hier mit leichtem Augenbrauenzucken, dort mit einem manchmal fast schon seelenlosen Blick spielt er den menschlich isolierten und kontaktunfähigen Will. Nicht das Will keine Freunde hätte oder verwahrlost in einem schmutzigen kleinen Zimmer lebt, nein, trotz Hightech Appartement, trendy Livestyle und regelmäßig wechselnder Freundinnen bleibt er allein. Ohne jede Ahnung, wie schön Verantwortung und wirkliche Freundschaft sein kann, teilt er sein Leben in 30-Minuten Einheiten auf, ist unverbindlich, ein kleiner Junge, der von den Tantiemen seines verstorbenen Vaters lebt und somit über grenzenlose Zeit verfügt.
Wie ein Autist regelt er sein Leben. Minutiös teilt er seine Zeit ein für Billiard-Übungen, Haare stylen, Fernseh-Gucken… Sobald ihm eine Situation zu nahe geht, flieht er, macht Schluss mit der aktuellen Freundin, drückt der Frau seines Freundes ihr Baby zurück in den Arm und verdrückt sich. Bis sich ihm der 12-jährige Marcus, exzellent gespielt von der Neuentdeckung Nicholas Hoult, in den Weg stellt. Dabei verbindet die beiden eine ähnliche Situation.
Während sich der 38-jährige sein Leben selbst ausgesucht hat, wird Marcus ungewollt von seinen Mitschülern geschnitten. Aufgrund von skuriler Kleidung samt Mütze und manch unfreiwilliger Marotte, hat er es nicht leicht sich zu behaupten. Seine Mutter hat kaum Geld, wenig Verständnis für Trends und muss sich zudem noch als Alleinerziehende durchschlagen.
Mit eindringlichen Bildern, liebevollem Humor und einem exzellenten Augenmerk für wichtige Details erzählen die Brüder Paul und Chris Weitz eine Geschichte über die Möglichkeit sich gegenseitig zu helfen. Ihren Film beherrschen keine Stereotype und man versteht jederzeit die individuellen Entscheidungen der Charaktere. Nirgendwo rutscht der Streifen ab ins obszön-debile, wie in ihrem Super-Erfolg »American Pie«. Mit ruhiger Regie balancieren die Brüder, unterstützt durch fantastische Schauspieler, zwischen Humor und oftmals grausamen Alltag. Der Film beweist, dass Geschichten erzählen unterhaltsamer und beeindruckender ist, als sämtliche Effektballerei. Mehr davon.