Auf der Suche nach Kontrasten
Über das markante Gesicht von Ferris MC könnte man Bände schreiben. Nicht nur das es den Stil und das Auftreten seines Daseins als MC widerspiegelt, sondern auch weil es so unglaublich anders ist.
Mit seinen lockigen Haaren, die nicht wirklich einen Haarschnitt haben, sieht der 29-jährige immer noch aus wie ein Rotzlöffel, der dir im nächsten Moment ans Hosenbein pinkelt oder tritt. Dieses Gesicht scheint ständig zu warnen: »Ey Alter, pass auf!« So wenigstens kennt man ihn von Covern, Zeitschriften, Konzerten und Videoclips, die sich an das Horrorgenre anlehnen.
Im Interview gibt sich der emanzipierte Rapper jedoch locker. Um Eindruck zu schinden muss nicht erst der Journalist angeraunzt oder geknechtet werden. Dazu ist Ferris zu entspannt, liegt der nächste Joint zu nah. Frauen würden ihn in diesem Moment vielleicht sogar als »handzahm« betiteln.
Schattenboxen hält fit
Das Kontrast-Programm bietet das Album. Da wird wieder ordentlich zugebissen, angeschnauzt und scheinbar ums Leben gekämpft. Aber warum? Hat er wirklich so viel Feinde? Nö, eigentlich nicht konstatiert er und berichtet ein wenig ironisch, dass er einfach so eine Art Schattenboxen mag, dass Battle-Reime ein Stilelement sind. OK, ein wenig Schizophrenie ist auch dabei, aber beim Battlen dreht es sich bei ihm nicht vorwiegend ums Kollegen plätten, sondern um künstlerisch und wutschnaubend der Aggression freien Lauf zu lassen. Das bedeutet in seinen Augen Authentizität, denn so fühlt er nun einmal. Was oftmals als Ego-Trip aus den Kopfhörern herüberschwabbt, ist deswegen auch eher als Arbeit an der eigenen Person gedacht. Zwar wird man hier und da vielleicht eine Anspielung auf »Audiobiographie« hinsichtlich anderer MCs entdecken, trotzdem erklärt Ferris, hat er in der Regel Respekt vor dem Engagement anderer. Denn die lieben ihre Musik genauso. »Vielleicht können sie es manchmal ja auch nicht besser…«, schmunzelt er.
Da ihn Freestyle-Battles nicht kitzeln, setzt er sich lieber mit Stift und Papier mit Themen auseinander. »Mich kitzelt ein Text, der mich emotional berührt, oder bei dem ich Abgehen kann.« Wert und Augenmerk richtet sich dabei auf die Reime und Endungen. Nichts soll sich auf seinem Longplayer wiederholen und so entstanden viele Texte etappenweise über Wochen und Monate. Auch wenn es zwei Jahre bis zum nächsten Album gedauert hat, so erhöhte sich natürlich die Intensität der Produktionsphase gegen Ende.
Jeder fängt mal klein an
Dabei arbeitet Ferris nach keinem vorgefertigten Schema. Manchmal entstehen die Beats, manchmal die Texte zuerst. Meistens jedoch entstehen sie mit Kollege Tobi. Deswegen war es sicherlich auch er, der ihm vor einiger Zeit seinen alten Atari überlassen hat. Auf dem tastet sich Ferris langsam voran. Zuerst entstanden nur Loops meist mit »Kindermelodien«, wie er selbst meint. Das waren dann schon um die 500 von denen es aber nur wenige Entwürfe auf das Album geschafft haben. Sich selbst outet der Rapper eher als Technik-Legastheniker, der nicht lange in irgendwelchen Manuals wühlt. Er kennt die Grundfunktionen, das reicht, basta. Denn am Ende dreht es sich um seine Wortgefüge und Geschichten und da steckt der Schweiß drin.
Ist eine Skizze dann aber produktionsreif und macht etwas her, dann setzen sich Tobi und er gemeinsam ins Studio, um den Song zu diskutieren und auszuproduzieren. Vor allem elektronische Sounds haben es ihm angetan. »In Elektro kann man so Aggressivität oder geile Melancholie einbauen.«, berichtet er. Natürlich führte nicht zuletzt auch das nervige Sample-Clearing zu einer weiteren Verlagerung auf die elektronische Seite. Denn teilweise musste er sogar seine Text-Rechte abtreten, um einen Song zu veröffentlichen. Und das stank ihm natürlich gewaltig.
Zitat: »Ich produziere auf so’nem vergilbten alten Atari von Tobi mit Cubase. Also richtig billo - und dann hab ich noch den Hi-Tech EMU 5000 Sampler und so ein kleines Keyboard für die Tastatur. Das wars.«
Ein MC legt auf
Ferris fühlt sich nach eigenen Angaben im Chaos wohl: »Das ist Gemütlichkeit für mich.« Deswegen hat es ihm auch das »Hafenklang« in Hamburg angetan. In dem siffigen punkigen Schuppen legt er seit einem halben Jahr auf. Zwar ist er zusätzlich in einer Booking-Agentur, die ihn jedoch bis jetzt noch nicht weitervermitteln konnte. Angesichts einem fehlendem Tape kein Wunder. Seinen Style beschreibt er als Digitalen Punkrock, der sich in allen Genres von Bootlegs bzw. Bastard Pop bis hin zu Breakbeats ordentlich austobt. Mixen kann er zwar schon, aber zur Zeit erscheint er wegen des anstehenden Albums eben nur einmal pro Monat zur Probe. Vor Publikum versteht sich.
Ferris wirkt im Interview selbstkritisch und sympathisch. Außerdem überschätzt er sich weder als DJ noch als Produzent und weiss, dass es da noch einiges zu lernen gibt. Von den gehetzten Haßtiraden und Auseinandersetzungen des Albums wirkt er im Interview weit entfernt. Die Angriffsfläche die er dort immer und immer wieder bietet, ist natürlich auch Kalkül. Ein Schaben und Kratzen an Oberflächlichkeiten und das absichtliche Provizieren von Mitmenschen. Und natürlich auch ein ganzes Stück Selbstverteidigung gegenüber Magazinen, Journalisten und Zuhörern, die ihm nicht mit in seinen Augen angemessenem Respekt begegnen. Schließlich ist es doch das worum es geht: Anerkennung. Denn wenn die ausbleibt, obwohl man sich eingesetzt hat, kann das schon verbittern. Aber dass wird dann im nächsten Track wieder abgearbeitet und künstlerisch in Energie umgesetzt.