Von Internet-Labels, kostenloser Musik und vernetzten Freigeistern
Netaudio

Die globale Vernetzung via WWW wirbelt in den letzten Jahren massiv die Industrie und Musikszenen durcheinander. Mit dem derzeitigen Boom der Internet-Labels, hochentwickelter Mix-Software und nicht zuletzt dank preiswerten Webspaces bahnt sich eine leise Musik-Revolution an.

Fotos: Dirk Murschall, aufgenommen auf dem ersten Treffen der Netaudio-Szene im Juni ›03 in der Lounge in Mannheim.

Werkzeuge wie Final Scratch, Traktor, Live, Reason oder auch die kontinuierliche Entwicklung der pitchbaren CD-Player unterstützen zunehmend die Möglichkeiten digitale Sound-Formate wie mp3, OGG Vorbis oder Wav in seine DJ-Sets einzubinden. Das dieser Fortschritt nicht aufzuhalten ist und nicht nur ein DJ-Randphänomen ist, beweisen mittlerweile auch immer mehr die großen DJs. Ob nun Chris Liebing, Richie Hawtin, Highfish oder Carl Cox, sie alle nutzen die digitalen Formate auf ihre Weise, um ihre Mixes anzureichern und abwechslungsreicher zu gestalten. Das dazu nicht nur ausschließlich Sounds von Hardware-Releases à la Vinyl oder CD nötig sind, beweist die stetig steigende Anzahl interessanter Internetlabels. Diese versorgen Musik-Freaks mit oft anspruchsvoller und kostenloser Musik.

Am Anfang war das Format…

Die ersten Grundweichen für den Austausch von Musik auf elektronischen Wegen legte Karsten Obarski. Er entwickelte das Sequenzer-Programm für den Amiga. Mit Hilfe des »Ultimate Soundtracker« konnten Computer-Freaks leicht 8-bit-Mono-Samples auf vier Spuren arrangieren. Dabei setzte man die Samples in Form von Noten auf die einzelnen Spuren und das Programm pitchte die Samples. Dadurch veränderte sich die Tonhöhe und mit Hilfe eines Sounds ließen sich somit Melodien komponieren. Ähnlich wie bei Rebirth oder Reason wurden die jeweiligen Musik-Stücke in einer Datei gespeichert. Diese endete auf ».mod« (Abkürzung für Module) und in diesen waren alle Songdaten der Tracks, Patterns und Samples gesichert. Somit ließen sich die Songs auf Diskette abspeichern und an Freunde sowie Interessierte verteilen. In der Regel wurden die .mods wiederum via Ultimate Soundtracker geöffnet. Dadurch bekam jeder einen direkten Einblick in das Musikstück sowie seinen Aufbau und verfolgte den Ablauf wie auf einem Notenblatt.

…und dann kam die Leitung.

Da die .mods durch das Format relativ klein gehalten wurden, stand ihrer Verbreitung nichts im Wege. Vor allem ab 1990, in welcher die Zeit der BBS-Mailbox-Szene aufblühte, tauschten die Musiker und Fans ihre Lieblings-.mods gerne schon via Telefonleitung. Mit der Entstehung des Internets nach 1994 verlagerten sich dann langsam die Kommunikations- und Distributionswege.

Um 1997/1998 entstanden dann die ersten Netlabels, die die Musik in Form der .mods zur freien Verfügung zum Download anboten. Vor allem der FTP-Server ftp.scene.org, der noch heute fleißig rotiert und als Umschlagsplatz der Szene großartig nutzt, gab den Labels einen ordentlichen Schubbs nach vorne.

Erst mit der stetig und nicht aufzuhaltenden Verbreitung des mp3-Formats bahnte sich der langsame Untergang an. Zwar können Surfer noch heute jede Menge .mod- und auch .sid-Files (.sid ist das Commodore 64 Musik-Format) aus dem Netz fischen und mit Hilfe von Programmen wie Winamp abspielen. Doch Musiker und Netlabels umarmten das soundtechnisch bessere Audio-Format und vertreiben in der Regel heute jegliche Musikstücke via mp3.

Zwischen Kitsch und Aphex-geschnetzeltem

Links:

http://www.mono211.com

http://www.gametab.com/files/monotonik.php [Backkatalog]

Das wohl bekannteste und auch heute noch sehr aktive Netlabel Monotonik setzte als eines der Ersten auf den Fraunhofer Algorithmus. Für viele Modem-Benutzer war das zu Zeiten als ISDN noch als purer Luxus gehandelt wurde, ein Schlag im Nacken. Doch die Musiker, die auf neue Software und Hardware umgesattelt hatten, war es nur die logische Konsequenz und Weiterentwicklung für ihren Sound.

Musiktechnisch konzentriert sich auch heute noch das Label hauptsächlich auf IDM (Intelligent Dance Music) und der Backkatalog ist mittlerweile auf über 1.3 Gigabyte an mp3s angewachsen. Von Knochenbrecherbreakbeats im Stile von Squarepusher & Co bis hin zu melodiös-opulenten Songs von Lackluster, dem Lieblingsexport von Monotonik, findet man so einiges. Manchmal pumpt sogar auch eine 4-on-the-floor.

Der Aufstieg und Fall der mp3-Portale

1997 folgte dann der Siegeszug der mp3-Portale und allen voran mp3.com. Während an der Börse die Aktienpapiere durch die aufkommende Internet-Hysterie in schwindelerregende Höhen getrieben wurden, bot mp3.com seinen Künstlern ein großartiges Promotion-Tool an. Mit Hilfe eines kostenlosen Accounts konnten Musiker so viele ihrer Musikstücke wie sie wollten der Online-Welt zur Verfügung stellen. Jeder Künstler durfte sich seine eigene Artist-Page zusammenstellen samt Bio, Bilder und Discografie falls vorhanden. Dank der rasanten technologischen Entwicklung erlaubte das Portal später sogar die Möglichkeit, den Fans On-Demand-CDs anzubieten. Das bedeutete, dass Künstler aus ihrem Katalog an hochgeladenen mp3s eine CD samt Artwork zusammenstellen konnten, die die Surfer mittels Checkkarte bestellen, bezahlen und bekommen konnten. Doch die Traumblase hielt nicht lange und zerplatze. Denn das Geld wurde knapp, ein Rechtsstreit mit der Musikindustrie schwächte das aufblähte Portal und der massive Mangel an Qualität vertrieb die Musikliebhaber.

Portal vs Netlabel vs Record Label

»Ich mag Netzmusik, weil ich die Idee mag, Musik von Künstlern, ohne Umwege Menschen zur Verfügung zu stellen, die Lust auf Musikhören haben.« [in]anace/ subsource.de

Mittlerweile wurde mp3.com von Universal aufgekauft, die Artists durch immer mehr Restriktionen vertrieben bzw. eingeschränkt und auch ähnliche Portale wie besonic.com oder vitaminic.com haben längst ihren Charme verloren. Doch an ihre Stelle treten langsam und bedächtig die Netlabels. Vor allem die akkuraten Preise der Webhoster für benötigten Webspace und entstehenden Webtraffic geben den privat betriebenen Labels immer mehr Möglichkeiten an die Hand. Auch die abermalige Unterstützung des FTP-Servers von scene.org erlaubt die massive Distribution der Download-intensiven mp3s.

Wie bei einem Record Label auch bietet ein Internet Label dem Künstler ein familiäres Umfeld. Da Portale wie Majors funktionieren und unterschiedliche Genres und Artists vertreiben, schaffen sie sich keine wirkliche Identität. Deswegen können sie ihre Künstler auch nicht zielgruppengerecht promoten.

Dahingegen richten sich Internet- und Recordslabels mit ihrer Struktur und Ideologie meist an ein Publikum. Neue Künstler reihen sich nahtlos in den Backkatalog ein. Außerdem entpuppen sich die Newsletter der Netlabel nicht als Spam-garnierte Werbezettel, sondern informieren den Musikfreak nur über neue aktuelle Themen.

Die einzigen Unterschiede zum herkömmlichen »Hardware«-Label sind in der Regel: keine Künstler-Verträge, keine Verpflichtungen seitens der Labelbetreiber, keine physikalischen Veröffentlichungen und wohl auch in Zukunft kein Geld.

HiFi is Paramount

Ein großer Vorteil der NetLabel zeichnet sich in der Möglichkeit aus, selbst abwegigstes Material zu veröffentlichen. Da man eigentlich kein Kapital in den Sand setzen kann, ermöglicht die preiswerte Lagerung im virtuellen Raum ein großes Experimentierfeld. Das kann natürlich auch gewaltig schief laufen, weil abnehmende Release-Qualität dem Surfer genügt, um nicht wiederzukommen. Nirgends woanders in den Medien geht das Publikum schließlich seine eigenen Wege wie im World Wide Web. Das nächste Universum ist schließlich nur einen Klick entfernt. Deswegen ist Qualität ausschlaggebend, um die Fangemeinde zu halten.

Qualität dann Quantität

Glücklich können sich da die Macher des TechnoDubHouse-Labels thinnerism.com schätzen. Unter der Leitung von Sebastian Redenz schaut das Thinner Label mittlerweile auf stolze 33 Releases – EPs und Alben. Über die letzten zwei Jahre hat das Label kontinuierlich an seiner Reputation gearbeitet. Vor allem festigten die Jungs ihre interkontinentalen Verbindungen und bauen mittlerweile auf ein gut-funktionierendes Netzwerk. Mit Wehmut in den Augen blickt Sebastian Redenz, der selbst von sich sagt, dass er musikalisch durch das Internet sozialisiert wurde, auf den vorläufigen Höhepunkt zurück: Kanada. Gemeinsam mit den Kanadiern von Epsilonlab wurden auf der Tour erfolgreich via Notebook und Vinyl die Parties gerockt. Nicht zuletzt auch das 30. Release mit bekannten Künstlern wie Eloi Brunelle (Force Inc.) oder Ghislain Poirier (12K/ Intr_version) unterstreicht den Stellenwert des Labels. Doch auch die anstehenden Releases featuren bekannte Künstler wie Dave Ellesmere (Voco Derman/ Kanzleramt) und Dick Richards (Raum…Musik) sowie Remixe von Jeff Bennett und Mateo Murphy.

Vor allem liegt das auch an der von Anfang an hohen Auflösung der mp3s von 192kbps. Denn die Auflösung bestimmt schließlich darüber, ob ein Track auch im Club gespielt werden kann. Das wissen auch die Beiden Netzfreunde: Dirk Murschall aka [in]anace und Martin Wisnowski aka 020200. Schließlich mischen die beiden sympathischen Musik-Nerds ihre Beats und Soundscapes seit geraumer Zeit mittels Traktor. Unter anderem benutzt Dirk die Software als Radio-DJ bei Radio Z 95.8 aus Nürnberg. In seiner Sendung »Tiefton« präsentiert er die neuesten Tunes der Netaudio-Szene.

Bei Martin sowohl als auch bei Dirk variieren die Sets zwischen experimentellen Soundscapes, Electronica und forscheren Beats. Diese Vorlieben spiegeln sich auch in ihren Webprojekten 2063music.de und subsource.de.

Motivation und Verantwortung

Natürlich entsteht die Motivation für ein Weblabel immer aus einem Sendungsbedürfnis heraus, fußt aber maßgeblich auf der Liebe zur Musik. Auch bei Joerg Friedrichs und Brigitte Bijoux rumort das Bedürfnis schon seit Jahren für ein eigenes Internetlabel mit Format. Der Wahl-Kölner und die in Tokio lebende Deutsch-Französin unterhalten interkontinental zahlreiche Kontakte zu Grafikern, Musikern und Programmieren und planen schon seit zwei Jahren ideology.de. Denn wen der Anspruch antreibt muss sich mit vielen Problemen auseinandersetzen. Schließlich wollen die Künstler gut betreut werden, müssen Presse- bzw. Infotexte für Künstler und Release geschrieben werden, soll das Cover-Artwork die Corporate Identity unterstützen und muss die Musik den eigenen Ambitionen entsprechen.

Doch nun steht das Konzept, sind die ersten sieben Releases geplant und werden wie bei einem richtigen Label in einem monatlichen Abstand von der Leine gelassen. Die erste Compilation, die zur PopKomm 2003 gestartet wird, bildet dabei den Ausgangspunkt, um die kommenden Künstler anzuteasern und einen ersten Einblick in das Label zu geben zu liefern.

Soulseek und seine Querverbindungen

Links:

http://www.slsk.org

Label-Betreiber deren Künstler sich nicht direkt aus dem Bekanntenkreis speisen, finden neue Musiker oft über das Netz und Musikforen. Vor allem die Filesharing-Plattform Soulseek (hauptsächlich elektronische Musik) entpuppte sich in der Vergangenheit oft als Mutter neuer Projekte. Denn viele unbekannte Künstler bekommen durch den Tausch von mp3s auch die Möglichkeit sich selbst zu promoten. Neben eigenen Soulseek-Compilations fanden sich auch einige Musikliebhaber und Künstler, die gemeinsam neue Projekte aus dem Boden gestampft haben.

Unter anderem gehört dazu auch das ziemlich erfolgreiche Compilation-Projekt starvingbuthappy.tk unter der Leitung von René Margraff und Nicolas Saez. Beide haben sich in den Chats der File-Sharing-Plattform zwischen all den Downloads zufälligerweise getroffen und kennengelernt. Mit internationaler Besetzung frönen sie nun uneingeschränkt ihrer Liebe zu Indietronic-Songs. Neben knurspeliger Electronica, leuchten auf starvingbuthappy.tk auch gerne mal Blockflöten und beschwören sanfte Stimme das Herz.

Neben den Querverbindungen zu Soulseek nutzt René auch seine Kontakte als Journalist. Warum nicht einfach mal die interviewten Künstler nach einem Exklusiv-Song fragen? Und so ist es kein Wunder, dass man auch bekanntere Helden der Electronica-Szene wie Flim (Tomlab Rec.) oder Hans Applequvist (Komplott) auf der Compilation findet. Die erste war dermaßen erfolgreich, dass ein Jahr später auf Simball Rec. eine CD mit Bonustracks erschien.

Natürlich featuren sich Nicolas und René auch selbst und veröffentlichen ihre Songs unter ihrem Bandnamen »Anorak«. Ihr anstehendes Hardware-Album werden sie im September auf Mira Records veröffentlichen, was sie aber nicht davon abhalten wird auch weiter Gratis-mp3s zu verschenken.

Nur noch eine Frage des Formats…

Wie schon geschrieben, ist mittlerweile eine Bitrate von 192kbps eigentlich Pflicht. Trotzdem bleibt noch die Frage des Formats. Prymer, Mitverantwortlicher für tokyodawn.org entschied sich schon früh aus ideologischen Gründen für das Open Source Format OGG Vorbis. Obendrein löschten die Betreiber relativ zeitig sämtliche Releases auf mp3.com bis auf einen Abschiedtracks, der eine Abrechnung mit der kommerziellen und unfairen Entwicklung auf dem Portal darstellte. Zwar verlor Tokyo Dawn mit der Umstellung einen Teil seines Stammpublikums, doch mittlerweile können auch moderne Mediaplayer wie z.B. der Winamp das Format lesen ohne dass weitere Plug-Ins benötigt würden.

…denn zum Schluss kommen die Emails aus Chile.

Das Internet verbindet, ermöglicht den Austausch, bietet ein potentielles Millionen-Publikum und vor allem unterstützt es die Kontrollfreaks der Netlabel. Denn nichts gibt mehr Schubkraft als Fame. Den lesen alle in ihren Einschalt- und Downloadquoten ab, weil die oft ehrlicher den Geschmack der Zuhörer ausdrücken.

Und dann ist auch die Fanpost selbst aus dem hintersten Winkel der Erde nicht mehr weit entfernt. Musik will schließlich frei sein und wenn sie gut ist kommt sie überall hin. Word up!

Weitere hilfreiche Links:

http://www.phlow.net/mp3-labels.html [Glossar mit mehr als 60 Internetlabeln]

http://groups.yahoo.com/group/net_label_releases [Newsgroup mit Releaseankündigungen per Email]

http://noerror.scene.org [News-Seite der scene.org Musikszene]

http://www.subsource.de/submix [DJ Mixe mit ausschließlichem Netaudio-Material]

Auswahl an Netlabels:

http://www.thinnerism.com [Techno, Dub, House]

http://www.2063music.de [Ambient, Soundscapes]

http://www.subsource.de [Ambient, Soundscapes]

http://www.ideology.de [House, Breaks, Electronica, Lo-Fi-Pop]

http://www.mono211.com [IDM, Breaks, Ambient, Techno, House]

http://www.hippocamp.net [Electronica]

http://www.tokyodawn.org [Drum&Bass, HipHop]

http://www.starvingbuthappy.tk [Indietronics]

http://www.rohformat.de [Techno]

Bilder vom ersten Netaudio-Treffen (Mannheim, Juni 2003)

Brigitte Bijoux (ideology.de) Brigitte Bijoux: ideology.de

Brigitte Bijoux (ideology.de) Brigitte Bijoux: ideology.de

Impressionen des ersten Netaudio-Treffens in der Lounge, Mannheim Impressionen des ersten Netaudio-Treffens in der Lounge, Mannheim Impressionen des ersten Netaudio-Treffens in der Lounge, Mannheim Impressionen des ersten Netaudio-Treffens in der Lounge, Mannheim Impressionen des ersten Netaudio-Treffens in der Lounge, Mannheim, Juni 2003

Sebastian Redenz, Labelchef von Thinner Sebastian Redenz, Labelchef von Thinner Sebastian Redenz, Labelchef von Thinner/ thinnerism.com

Screenshot eines der ersten Tracker-Programme auf dem Amiga Screenshot eines der ersten Tracker-Programme auf dem Amiga Screenshots eines der ersten Tracker-Programme auf dem Amiga