Portrait
(Heimliche) Demokratie via Weblogs, Wikis und Open Source?

Gemeinsam mit dem Leser schaut der Journalist Erik Möller in »Die heimliche Medienrevolution« unter die Bettdecke von Kultur, Medien, Open Source und Internet. Nur Utopie oder revolutioniert das Netz tatsächlich unseren Alltag, rettet die Demokratie und sorgt für gleiches Wissen für alle?
Erik Möller ist online seit 1993. Seit 2001 ist er Mitarbeiter bei der Wikipedia, dem größten Projekt weltweit, wenn es um offene Inhalte geht, an welchen jeder mitwirken kann. Mit seinem Buch »Die heimliche Medienrevolution«, dass den Untertitel trägt »Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern« zeigt er auf, wie Medien konstruiert sind und welches Potential im Netz und den damit verbundenen Werkzeugen liegt. Denn via Web kann jeder zum Sender mutieren: Weblog- und Wiki-Software machen es möglich - Open Source sowieso. Seine eigene politische Motivation kondensiert der freie Journalist auf »die Schaffung einer allgemeinen Wissensgrundlage und technischer wie sozialer Rahmenbedingungen für eine bessere Gesellschaft.« Kein Wunder also, dass er selbst auch Hand an den Code des Wiki-Redaktionssystems Mediawiki legt, um den Fortschritt der Wikipedia und der eigenen Ideen voranzutreiben. Aber mal nachgehakt…
Du siehst im Internet ein phänomenales Potential für mehr Demokratie, Rechteverteilung und als Möglichkeit Monopole zu zerschlagen. Würdest Du Dich als Utopisten bezeichnen?
Ich sehe im Internet auch durchaus Potenzial für das Gegenteil, wenn sich etwa die Inhalte-Industrie mit ihren radikalen Vorstellungen für die Durchsetzung des Urheberrechts behaupten kann und es ihr mit Hilfe des Gesetzgebers gelingt, technische Schranken auf jeder Ebene zu installieren, vom Mainboard-Chipsatz bis zum Internet-Router, bei einer gleichzeitigen scharfen Einschränkung von Verschlüsselungs- und Anonymisierungs-Technologien. Nur durch eine totalitäre technologische Kontrolle kann das Urheberrecht in Zeiten von Gigabit-Leitungen und Terrabyte-Festplatten noch durchgesetzt werden. Der Schritt, die gleichen Kontrollinstrumente einzusetzen, um auch unliebsame Inhalte zu tilgen, ist dann vergleichweise klein.
Eine solche technologische Dystopie halte ich für möglich, aber nicht besonders wahrscheinlich, da zu viele Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft auf eine freie Kommunikation angewiesen sind. Wenn es gelingt, die Freiheit des Internet zu erhalten und zu mehren und gleichzeitig den allgemeinen Zugang sicher zu stellen, halte ich die daraus resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen für mittel- bis langfristig unvermeidlich.
Das Internet und der Zugang zum Internet findet meistens über Mega-Provider statt. Das Rückgrat, die Backbones, des Netzes liegen in der Hand von Giganten. Besteht hier nicht eine große Gefahr, die sämtliche Demokratie im Keim ersticken könnte, da hier zentral gewaltet und verwaltet wird?
Das derzeit dominante Internet-Medium, das WWW, ist vergleichsweise trivial zensierbar. In der Regel findet eine solche Zensur an der Quelle statt, also beim Webserver, der unliebsame Inhalte ins Netz stellt. Insbesondere Privatpersonen sind gegen Abmahnungen und Unterlassungserklärungen weitgehend hilflos.
Auch auf der Basis einer Backbone-zentralisierten Internet-Architektur lässt sich jedoch verschlüsselter, anonymisierter Datentransfer mit verteilter Speicherung realisieren, man denke etwa an das freenetproject.org. Neben einer solchen Anonymisierung im großen Stil werden sicher auch private soziale Netze an Bedeutung gewinnen: Der sicherste Weg, beim MP3-Tauschen nicht erwischt zu werden besteht darin, nur mit Leuten zu tauschen, die man kennt.
Wie siehst Du die Bestrebungen Software-Patente in Europa einzuführen? Wenn das passiert, ist das eine Gefahr für Open Source Projekte?
Software-Patente sind die größte Gefahr für freie Software überhaupt. Bereits heute sind beim Europäischen Patentamt nach Schätzungen des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII e.v.) über 30.000 Patente registriert, deren Rechtskräftigkeit aber höchst fragwürdig ist, da das EPO diese Patente gewährt hat, obwohl europäisches Recht Software-Patente explizit verbietet. Deshalb versuchen die Lobbyisten seit Jahren, diese Patente explizit zu legalisieren und die Praxis des EPO somit rückwirkend zu legitimieren.
SW-Patente werden nach praktisch rein formalen Richtlinien gewährt; das technischen Feld ist unüberschaubar, die Ablehnung ist zeitintensiver als die Genehmigung, und die Prüfer werden nach der Zahl der beurteilten Patente bezahlt. Folglich läuft es auf amerikanische Zustände hinaus, wo die Entscheidung über die Gültigkeit von Patenten in millionenschweren Prozessen vor Gericht entschieden wird.
Patente ermöglichen die Kontrolle über Ideen, auch triviale Ideen. Die Website webshop.ffii.org zeigt am Beispiel 20 bereits gewährter Trivialpatente, dass selbst ein einfacher Online-Shop in einem patent-restriktiven Umfeld praktisch nicht operierbar ist. Ein Unternehmen wie Microsoft kann sich Patente auf Schlüsseltechniken sichern und damit die Open-Source-Gemeinde terrorisieren, der die finanziellen Ressourcen fehlen, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Zum Verständnis und zur Aufnahme von Ideen, Philosophien, Tatsachen und Gedanken muss der Mensch lesen können, wenn er sich im Internet bewegt. In Deinem Buch zeigst Du auf, wie sehr Menschen vom Fernsehen und den Medien generell manipuliert werden können. Politik, öffentliche Medien und Wirtschaft scheinen immer weniger daran interessiert zu sein gebildete Menschen zu erziehen. Könnte die »heimliche Medienrevolution« an mangelnder Bildung scheitern?
Ich beobachte eine scharfe Polarisierung zwischen einer sich verbreiternden geistigen Elite und einer ebenfalls wachsenden Unterschicht von dysfunktionalen TV- und Computerspiele-Zombies. Neben den 20 Kids, die sich in einem »Clan« für ein 3D-Ballerspiel zusammen schließen, gibt es eben auch den 7-jährigen, der bei Wikipedia über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg schreibt, weil er einen guten Lehrer hatte, der ihn für das Thema begeisterte.
Natürlich muss es uns gelingen, systematischer Kinder und Jugendliche für geistige Aktivitäten zu gewinnen. Erste Experimente von Lehrern mit Wikipedia stimmen mich hoffnungsvoll, dass in der Richtung noch einiges laufen kann. Aber letztlich können wir die sozioökonomischen Zusammenhänge nicht ignorieren.
Das Internet hat eindeutige Tendenzen zur Monopolisierung von Firmen, Inhalten und Verhaltensweisen. So macht Stanislav Lem z.B. in »Die Megabitbombe« darauf aufmerksam, dass es mehr als 4.000 Sprachen weltweit gibt, aber die Hauptsprache im Internet die englische ist. Ein weiteres Beispiel für die Monopolisierung ist auch die Wikipedia. Einerseits arbeiten dort global viele Menschen an einer gemeinsamen Wissensbasis, aber es wird wohl kaum jemand auf den Gedanken kommen ein ähnliches Projekt aufzuziehen. Siehst Du das nicht als Gefahr für plurale Inhalte und Ansichten?
Meine Beziehung zur englischen Sprache ist vergleichbar mit den Hoffnungen, die andere an Esperanto hängen. Eine Weltsprache Englisch sehe ich als sehr positiv an, als eine Verwirklichung des Menschheitstraums von globaler Verständigung. Auch die englische Sprache ist in der Lage, eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen zu repräsentieren, und sie wird ja durch ihre weltweite Verwendung ständig mit neuen Ideen und Vokabeln befruchtet.
Wikipedia ist aber andererseits auch ein Beispiel dafür, wie gerade das Internet auch anderen Sprachen zur Geltung verhelfen kann. Von Anfang an verfolgten die Gründer eine Strategie der Internationalisierung. Heute gibt es Wikipedias in über 100 Sprachen, darunter viele Varianten, die nur von kleinen Minderheiten gesprochen werden.
Ich sehe Wikipedia als einen allgemeinen Wissenspool, aus dem aufgrund der freien Lizenz jeder Neuschöpfungen kreieren kann, die nicht unbedingt den Wikipedia-Standards etwa in Bezug auf den »neutralen Standpunkt« genügen müssen.
Vielen lieben Dank für das Interview.
Servicepoint
Buch: Erik Möller »Die heimliche Medienrevolution«, Telepolis Verlag, ISBN 3-936931-16-X, 19,00 €