Portrait
"Einmal Freeware, immer Freeware!?!"

Manchmal stolpert man über die unterschiedlichsten Dinge. Zum Beispiel den komplexen Freeware-HTML-Editor Scribe!. Der lag letztens nonchalant mit anderen Programmen einem Wie-Mach-Ich-Webpäitsch-Bücher bei. Da drängten sich dann wieder einmal Fragen auf wie: »Warum, Wie und Weshalb machen die das - umsonst?« Wir haben einfach mal nachgehakt…

Erst einmal, es sind keine »die«, sondern lediglich ein »er«, der diesen funktionalen Editor mit allem PiPaPo Leben eingehaucht hat. Angefangen hat Jan Uhlenbrok sein Scribe-Projekt mit 17, mittlerweile ist er 22, steckt in einer Ausbildung als Fachinformatiker Anwendungsentwicklung und hat nach dem Abi seinen Zivi in einer Therapieeinrichtung für Junkies gemacht.

Doesn’t smells like Nerd-Cliché

Jan ist der Beweis, dass Computer-Freaks so gar nicht mehr in das bebrillte Glasbaustein-Image passen wollen. In der Freizeit versucht er sich an den ›77er Punk Konventionen, ist nicht wirklich gut, wie er meint, aber sozial kommt man da um so einiges weiter als isoliert hinter dem Bildschirm. Er nennt es einen »super Ausgleich zum doofen Programmieren.« Denn ein Stromgitarre sorgt für mehr Sex-Appeal als eine graue Tastatur.

Aber wie war das denn nun mit Scribe!, wieso ist das so umfangreich und wie codet man so etwas ganz alleine und warum?

»Die Idee, einen wirklich anfängerfreundlichen HTML-Editor zu programmieren, kam mir irgendwie so mit verpickelten 17 Jahren. Ich hatte vorher schon ein bisschen ›rumprogrammiert, größtenteils mit Profan 6.0, quasi einer Windows-Version von Basic. Dann bin ich für wenig Geld an den C++ Builder 3 gekommen, welcher natürlich viel cooler und professioneller war als der vorherige Krams.

Ich habe dann ungefähr 4 Wochen gebraucht, um mir den Namen »Scribe!« auszudenken. 2 Jahre später habe ich in einem Wörterbuch während einer Englisch-Klausur durch Zufall entdeckt, dass »scribe« wirklich eine Bedeutung hat. Glücklicherweise passt die Übersetzung sogar einigermaßen.

Scribe! 1.0 wurde nach einem Jahr Entwicklungszeit und immer noch geringer C++-Erfahrung irgendwann um Weihnachten 2000 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Danach erschienen regelmäßig Updates und langsam, ganz langsam wurde das Programm bekannter.

Durch eine fast unglaubliche Fügung des Schicksals hatte ich durch ein Schul-Projekt auf der CeBIT 2000 die Möglichkeit, für Scribe! 1.1 im Rahmen der Präsentation unserer neuen Schul-Homepage Werbung zu machen. Da WML (kennt das noch jemand?) damals groß im Gespräch war, und Scribe! der erste Editor war, der das Ganze unterstützte, konnte ich ein paar Kontakte knüpfen. Letztlich hat natürlich niemand einen fast 18jährigen Schüler ernstgenommen, aber mir und meiner Naivität gab das Antrieb, weiterzumachen.

Danach habe ich erst mal mein Abitur gemacht währenddessen ich selbstverständlich nicht so viel Zeit hatte an Scribe! weiterzubasteln. Die ganzen Abi-Feten waren nämlich ziemlich anstrengend und gelernt werden musste ja auch noch.

Zu Beginn meiner Kriegsdienstverweigerer-Zeit habe ich beschlossen, Scribe! von Grund auf neu zu programmieren. Scribe! 1.x bestand immer noch zu großen Teilen aus meinen ersten Gehversuchen mit C++ und war deswegen code-mäßig total versaut. Auch in Hinblick auf eine bevorstehende Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, wo sich eine Referenz wie Scribe! sicher ganz gut machen würde, sollte der Editor einfach gekonnter aussehen.

Scribe! 2 (Untertitel »Generation X«) wurde nach einer kurzen Beta-Phase am 22.2.2002 veröffentlicht und hat seitdem mehrere Menschen glücklich gemacht. In den ersten Wochen besuchten mehr als 1500 Leute http://www.scribe.de pro Tag. Bis heute wurden die unterschiedlichen Versionen insgesamt über 100.000 Mal heruntergeladen. Ich kann also ganz zufrieden mit meiner Arbeit sein. Und aufgrund der kompletten XHTML-Unterstützung ist Scribe! vielen Editoren immer noch voraus.

Seit Beginn meiner Ausbildung als Fachinformatiker im Sommer 2002 ist meine Engagement im Bereich Scribe! und so allerdings stark zurückgegangen und das letzte Update ist mittlerweile 1 Jahr her. Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich dafür bei den Benutzern entschuldigen muss. Muss ich? Es ist nun mal sehr schwierig, als Beruf und Hobby das Gleiche zu tun.

Seit geraumer Zeit liege ich nachts oft wach und überlege, ob ich Scribe! als Open-Source-Projekt zur Verfügung stellen sollte. Ich selbst bin davon nicht allzu begeistert, da ich Scribe! 2 bereits für einen ausgereiften Editor halte und somit auch nicht mehr viel programmiert werden müsste. Andererseits bedeutet Stillstand ja Tod und Scribe! ist noch zu jung zum Sterben. Mal sehen.

Zusammenfassend gibt es also 3 Dinge, die man für ein Projekt in dieser Größenordnung benötigt: Den Gedanken, alles besser machen zu wollen, enorm viel Zeit und keine Freundin.

Mein Rat an alle jungen Menschen, die auch mal Programmierer und ein wenig bekannt werden wollen: Lasst den ganzen Scheiß. Verschwendet eure Jugend nicht.«

Wie kam es zu der Entscheidung, dass Programm als Freeware zu veröffentlichen?

»Freeware findet einen viel höheren Verbreitungsgrad als kommerzielle Software. Und da ich als Schüler eigentlich mehr die Bekanntheit als die kommerzielle Seite im Sinn hatte, fiel mir die Entscheidung nicht besonders schwer. Zudem war das Problem: es existierte schon ein ziemlich populärer Umsonst-HTML-Editor. Dagegen mit einem vielleicht besseren, aber kostenpflichtigen Programm anzukommen, hätte eh nicht geklappt. Ich selber benutze ja auch lieber Freeware, selbst wenn sie Macken hat, schlecht dokumentiert oder sonst was ist. Zumal professionelle Programme heutzutage genauso fehlerbehaftet auf den Markt gebracht werden, wie manche Freeware. Und damit meine ich nicht nur Microsoft-Produkte.

Bei der Entwicklung von Scribe! 2 (besser, schneller, bunter) habe ich zugegebenermaßen kurz mit dem Gedanken gespielt, die Benutzer, nett ausgedrückt, an den Entwicklungs-Kosten zu beteiligen. Also irgendein Finanzierungsmodell wie Shareware oder kostenpflichtiger Support. Ich hätte vielleicht auch Scribe!-Mitglieds-Ausweise wie damals für den Knax-Klub verkauft. Aber schlussendlich würde das die bisherigen Benutzer verschrecken und neue gar nicht erst ins Kollektiv holen. Einmal Freeware, immer Freeware. So schnell kommt man da nicht raus.«

Was hältst Du selbst von Open-Source, Freeware und Shareware?

»Als Erstes muss ich etwas unterscheiden: Es gibt Programme, die mit Recht umsonst sind. Für den »Bildschirmhintergrundwechsler 2.0« wäre niemand bereit, etwas zu bezahlen. Aber ein komplettes Office- oder Browser-Paket? Also bitte. Die Entwicklungskosten können doch nie wieder reingeholt werden. Die Firma wird dann von einer größeren aufgekauft, die Programmierer noch einige Zeit mit Geld versorgt und dann entlassen. Positiv an solch großen Freeware-Projekten ist allerdings, dass man damit ein bisschen an bestehenden Monopolen rütteln kann.

Trotzdem darf es nicht sein, dass ein Produkt, in das Mengen an Zeit, Geld und Intelligenz gesteckt wurden, frei verfügbar ist. Das widerspricht eigentlich der Idee, die ich im bei uns vorherrschenden Kapitalismus ganz nebenbei festgestellt habe.

Zumindest einer der Gründe, warum gerade ein Produktbereich wie Software ins Kostenlose abrutscht, ist ja klar: Software ist nichts, was man in der Hand halten oder an die Wand werfen kann. Und man hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass vieles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat, kostenlos ist. Heutzutage ist sogar das Beschaffen illegaler Software umsonst. Wenn man sich früher ein Spiel gebrannt hat, dann hat der Rohling wenigstens noch 5 Mark gekostet.

Natürlich plädiere ich nicht dafür, für alles Geld zu verlangen. Wichtige Informationen müssen weiterhin für jeden zugänglich sein. Aber ein bisschen den Wirtschaftskreislauf zu stärken, sollte schon drin sein.

Den einzig richtigen Weg sehe ich in der Unterscheidung zwischen privater und kommerzieller Anwendung: Wenn das Programm eingesetzt wird, um Geld damit zu verdienen, dann sollte auch der Programmierer etwas davon abbekommen.

Und weshalb man Scribe! immer noch trotz all dem herunterladen kann? Einmal Freeware,…«

Welche Erfahrungen verbindest Du mit Deinem Projekt? Hast Du schon einmal Geld für Dein Engagement bekommen? Wie gehen die User von Scribe! mit Dir um? Was waren die lustigsten und nervigsten Mails?

Lustige (oder eher traurige) Mails und Forums-Beiträge könnte ich hier wirklich zu Dutzenden posten. Als Referenz siehe Servicepoint…

Die richtig fiesen Dinger kommen trotzdem immer per Mail. Scheinbar wissen die Absender sehr genau, wie es um ihre Ausdrucksfähigkeit und Rechtschreibung steht und das könnte in einem öffentlichen Forum ja peinlich werden. Irgendwie wird sich ebenfalls keine Mühe mehr gemacht, ein Thema oder Problem ausführlich zu beschreiben oder wenigstens etwas auf gängige Satzstellung zu achten. Das kann doch im echten Leben auch nicht funktionieren. Mitdenken, bitte.

Und dann werden auch noch solche Fragen gestellt, die in der wirklich umfangreichen Hilfe beantworten werden oder sogar im Forum. Aber nein, eine Mail an den Programmierer ist einfacher. Schlimm sind die Leute, die sich auch noch über schlechten Support beschweren. Ich meine, niemand zwingt jemanden, Scribe! zu benutzen (außer ich meine Freunde).

Im Großen und Ganzen ist das Feedback aber positiv und ich habe eine Menge interessanter Leute kennengelernt: Programmierer, Web-Designer und andere Sinnesverwandte. Und natürlich gibt es auch einen Haufen netter Scribe!-Benutzer, die angemessene Kritik üben. Viele nehmen auch die Möglichkeit wahr, mir CDs, quasi als Spende und Aufmunterung, zu schicken. Immerhin 25 Tonträger sind jetzt schon zusammenkommen. Das ist doch was.

Servicepoint