Musikkritik
Matthew Herbert – Scale (!K7/ Accidental)

Cover Matthew Herbert – Scale

Das ist eine Lobhymne auf einen Künstler und ein kostenloser Arschtritt für zahlreiche Musikkritiker, also Vorsicht! Matthew Herbert nimmt in meinem Plattenregal die Vormachtstellung unter den elektronischen Produzenten ein, wenn es um Virtuosität, Können und Ideen geht. Nach einem eher misslungenen „Plat du Jour" fusioniert er auf „Scale" sein ganzes Können in cineastischem Breitwandformat von Funk über House bis hin zu jazzigen Balladen. Und das Ergebnis ist, das sei vorweggenommen, richtig poppig.

„Scale" ist großartig und wird so manchem Herbert-Fan auf die Füße treten. Denn das Album ist ungemein poppig. Da mutmaßen vermeintlich intelligente Journalisten, dass Herbert sich nun dem schnöden Mammon verkauft. Clever, wie solche Musikjournalisten dann oft sind, setzen sie einen Haufen auf einen Künstler, der sonst so sperrig ist, und gönnen es ihm nicht, dass er sich aus der Ecke Elektronik gen Pop wendet. Dass er dadurch womöglich nicht nur mehr Geld verdient, sondern auch ein größeres Publikum für seine politische Kritik gewinnt, wird dann eilig vergessen.

Dabei steckt in »Scale« schlicht Musik, Kompositionen, Engagement und freakige Sounds. Warum gilt jemand nur als „credible", wenn er sich so kantig, kratzig und sperrig verkauft?

Das Ding mit dem Mikrofon

Kommen wir endlich zum Album. Das heißt „Scale" und ist in erster Linie jazzig, funky und weniger House, als man von Herbert erwarten würde. Wer den Briten schon ein wenig näher kennt, der hört in „Scale", wie die letzten Alben von „Bodily Functions" über das Bigband-Jazz-Album über die Produktion für Róisín Murphy zusammenfließen.

Für das Vorgängeralbum „Plat du Jour" besuchte Herbert kleine Küken, die in der Massentierhaltung aufwuchsen, und sammelte per Mikrofon Eindrücke, die er in seinem Studio für Beats und Nebengeräusche verwurstete. Auch auf „Scale" geht er diesem kruden Hobby nach, nimmt Drummer in Tropfsteinhöhlen, im Auto oder im Heißluftballon auf. Ob das was mit Musik zu tun hat, ist in meinen Augen erst einmal egal. Ob das was mit Vermarktung zu tun hat, auch. Wichtig ist die Musik, die am Ende herauskommt, und die reicht von voluminösen Filmmusikstücken bis hin zu funkigen 70er-Jahre-Disco-Tracks.

Natürlich steckt in allem wieder dieser unwiderstehliche House-Swing, den Herbert schon immer geatmet und weitergegeben hat. Wichtiger aber für das ganze Album zeigt sich seine Produktionsweise. Diese verwebt in einer eigenwilligen Ästhetik das Outdoor-Sampling mit dem erlernten musikalischen Können. So treffen klassische Jazz-Muster auf Experimentelles aus der Elektronik. Die Frickeleien sind zwar wichtig und wunderbar, stehen trotzdem aber im Hintergrund. Man kann sie unbedarft überhören oder sich daran freuen, wenn irgendwo das Öffnen einer Dose zischt oder die Drums hallig oder plätschernd klingen.

Dabei kann ich Herbert auch vom künstlerischen Standpunkt aus verstehen. Die Experimente in der Höhle, bei der Aufnahme im Auto oder am Strand im Wasser dienen nicht nur neuen Sounds, sondern geben dem Prozess der Produktion etwas spielerisch Experimentelles sowie Inspiration.

Und schließlich noch eine Frage an die Kritiker, die ihm den Popkurs verübeln: Wie bitte soll ein Produzent eine Bigband-Session mit mehr als 20 Musikern bezahlen, wenn sich das Album am Ende nicht verkauft? Wie bitte soll ein Produzent eine Bigband-Session mit mehr als 20 Musikern bezahlen, wenn sich das Album am Ende nicht verkauft? Für mich darf er auch gerne Pop produzieren, wenn die Musik dann so vielfältig, variantenreich und charmant klingt, dass sie selbst ins Café passt. Am Ende dreht es sich schließlich um die Musik und nicht darum, was vorher war, heute ist und wie sie produziert wurde. Gute Musik ist gute Musik. So wie „Scale".

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