Typo Berlin 2009 – Retrospektive [UPDATE]

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**Design, Typografie, Konferenz ** · Yes we can! Endlich wieder auf der Typo Berlin, ordentlich kreative Ideen, Inhalte, Buchstaben und Formspiel einsammeln. Und das habe ich mitgenommen…

Ab in den Weltraum mit Esther Dyson

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Der Startschuss der Typo Berlin scheppert ein wenig. Zwar ist der Vortrag über „Das Werden eines Weltraumtouristen” interessant, aber so richtig will es einfach nicht auf die Typografie & Design-Konferenz passen. Die Idee ist generell nicht schlecht, das Typo Berlin-Thema „Space” von dieser Seite mit einem Gast aufzurollen, der sich für einen Ausflug in den Weltraum vorbereitet hat. Und die persönlichen Bilder von Esther Dyson nehmen uns in einen netten Ausflug in die Vorbereitungsstation für einen Trip ins All mit. Trotzdem zündet der persönlich gehaltene Vortrag nicht wirklich. Exzellent schließt auch Moderator Donald Beekman mit der Frage, ob so eine Trip nicht schon arg etwas für sehr, sehr reiche Menschen ist. Was wir davon haben, lässt sich nicht wirklich aus der Exkursion schließen. Was man als Designer von dem Vortrag hat ebenfalls. Darum ist die spürbare Irritation um mich herum auch nicht weiter verwunderlich.

Alle Fotos Ihres Vortrages findet Ihr auf Esther Dysons Flickr-Account oder Ihr startet die Diashow direkt.

Bernard Stein: Kein großer Redner, aber…

…ein intellektuell sehr ansprechender Vortrag. Trotzdem nickt die junge Frau neben mir während seines Vortrages mehrmals weg. Zu akademisch, leicht unsicher und streng wirkt Bernard Stein. Die formschöne Präsentation über eigene Arbeiten, die um das Thema Raum und Zeit kreisen zeigen formal ausgewogene und interessante Plakate, Entwürfe und Arbeiten. Sie spiegeln fast exakt das wider, was dem Vortrag an Verve fehlt: spielerische Ausbrüche, Dynamik, Aggression, Spannung. Wie gesagt, gibt der Vortrag fast schon ein paar philosophische Eindrücke und Geschichte mit.

Joshua Davis: Los geht’s

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Nur wenige Minuten nachdem Joshua Davis die Bühne betritt, mit seinem leicht lärmigen Stil samt Rock’n’Roll-Skateboard-Ich-mach-die-Welt-wie-Sie-mir-gefällt betritt, sitzen alle aufrecht. Jetzt kommt Pop! Wie der krasse Gegenpol zu Bernard Stein rüttelt Joshua Davis das Publikum wach. Als Illustrator benutzt der Amerikaner lieber selbst geschriebene Programme, deren Variablen er langsam verbiegt, mit Formen anreichert, um dann via Sampling die errechneten Grafiken rauszupicken, die ihm zusagen.

Seine sehr vektorlastige Arbeiten, verarbeitet Joshua Davis nicht nur in Printversionen, sondern nutzt diese für Web, Skulpturen oder Ausdrucke für Gallerien und Kunstprojekte. Ein charmanter tätowierter Auftritt mit typisch-amerikanischem Haudraufhumor, der mit kleinen Weisheiten und Nebensätzen zeigt, was diesen Mann bewegt. Großartig, unterhaltend und erhellend! Jetzt geht’s los!

Anschlaege.de – Designe den Raum, sorge für Kommunikation

Das Design nicht immer nur bedeutet “alles schön machen” oder wie einige Designer von sich selbst auch sagen “dekorative Scheisse” produzieren, zeigt das Team von anschlaege.de. Die Designer Axel Watzke, Christian Lagé und Steffen Schuhmann verfolgen in ihren Arbeiten starken Konzepten, die sie in ihrer Präsentation darlegen. Design versteht das Trio als Gestaltung. Dabei geht es bei dieser Art von Gestaltung nicht nur um Formen, sondern auch politische Haltung und den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes.

Rausgegriffen sei nur eines ihrer Projekte: ein Wohnhaus für Studenten in Frankfurt an der Oder. Problem in Frankfurt an der Oder ist, dass die polnischen Studenten auf der anderen Seite der Oder leben und die deutschen Studenten aus Frankfurt an der Oder flüchten. Das mittlerweile vierjährige Projekt musste zahlreiche Hürden nehmen, um eines der leeren Häuser zu bekommen, um dort eine Art selbst organisiertes Studentenheim zu realisieren. Die Designer arbeiteten in diesem Projekt als Gestalter und bauten Brücken, indem sie Wohnraum okupierten und polnische Studenten durch preiswerte Wohnraumkosten im Zentrum von Frankfurt hielten. Andererseits blieben die Deutschen eher dort, weil sie sich ein zuhause schufen. Das ambitionierte Projekte verdeutlicht, wie man Raum gestalten kann, um für mehr Kommunikation zu sorgen. Respekt vor der Arbeit von anschlaege.de. Toll!

Leuchtende Architektur

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Foto: Harry Schiffer

Wie spannend Architektur sein kann, wenn man Licht mit dreidimensionalen Raum kombiniert, zeigte der Vortrag von Realities United. Wie man Fassaden mit Licht gestalten kann und was man für Möglichkeiten, Technik und Elemente nutzen kann, zeigte der Vortrag eindrucksvoll. Besonders sympathisch war dabei der Redner Jan Edler. Irgendwie bescheiden, reflektiert und profesionell entführte er die Zuhörer und Zuschauer in die architektonischen Entwürfe und ihre Besonderheiten.

Wahrlich ein Nomade…

Der urbane Künstler und Graffiti-Künstler startete verkrampft und äußerst ungelungen in seinen Vortrag. Die Idee vor der Praxis und den eigenen Werken ein wenig Geschichte des Graffitis und die derzeit rumschwirrenden Begriffe zu klären war gut. Die Ausführung präsentierte sich mäßig bis schlecht. Anstelle wie andere Redner Beispiele zu zeigen, quälte sich Nomad durch seine Blätter und uns.

Wer durchhielt, um endlich Werke des Künstlers zu sehen, wurde dann doch mit einer Prise humorvoller Entwürfe und Kunst im öffentlichen Raum belohnt. Leider (zer)störte Nomad die oft pfiffigen, humorvollen und sarkastischen Bilder und Sprüche seiner Werke mit einem unsicheren Lachen. Der Vortrag hätte mehr sein können, weil genügend künstlerisches Material und Ideen vorhanden sind. Schade, aber kein totaler Reinfall… Definitiv nicht funky!

Designforschung auf hohem Niveau

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Gesche Joost ist lässig. Und professionell. Die Designforscherin zeigte in ihrem Vortrag eloquent und gelungen, was Designforschung ist und was man alles so forschen, ausprobieren kann und welche Werkzeuge es dafür gibt. Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte sie die Arbeitsweise ihres Teams. Und ich bin mir sicher, dass die von ihr betriebene Innovationsforschung Früchte trägt. Alleine die Bilder der Handys, die Probandinnen in einer Studie zum Umgang von Frauen im Alltag mit Kommunikation entwarfen, waren einen Blick wert. Im Hinblick auf mobile Kommunikation mit dem Handtelefon spürte man förmlich das Potential der Forschung. Sehr interessant, lehrreich, komprimiert und locker-sympathisch vorgetragen. Mehr davon bitte! Schaut Euch unbedingt mal www.design-research-lab.org an :)

Markus Hanzer: Präsentations-Zauberer

Markus Hanzer liebt Bilder. Keiner auf der Typo Berlin packt so viele Bilder, Fotos und visuelle Eindrücke in seine Präsentationen wie er. Ich will gar nicht wissen, wieviel Bildrecherche in seinem Vortrag steckt. Trotzdem: das war zu viel. Der Vortrag war fast schon selbstverständlich komplex und voller Inhalte wie bereits im letzten Jahr. Trotzdem, es war einfach zu viel. Soll ich jetzt gucken, Bilder genießen, mich beeindrucken oder fesseln lassen oder doch zuhören? Die Geschwindigkeit der Bilder in 45 Minuten rauschte an einem vorbei, ein Eindruck blieb, aber die Komplexität der Ausführungen von Markus Hanzer blieben leider auf der Strecke. Ein wenig mehr visuelle Ruhe und ich könnte genauer explizieren, worum es eigentlich ging…