Generalcheck der Typografie-Gesetze von Tschichold

Typografie

Generalcheck der Typografie-Gesetze von Tschichold

Der Typograf Jan Tschichold gehört zu den wichtigsten Typografie-Experten des 20. Jahrhunderts. In »Tschichold – na und?« widmet sich Gerd Fleischmann den Ideen, Gesetzen und Vorgaben, die Jan Tschichold Zeit seines Lebens formuliert hat und unterzieht sie einem Generalcheck.

»Tschichold – Na und?« gehört zu der feinen Buchreihe Ästhetik des Buches aus dem Wallstein Verlag. Während sich Karl Günter dem Buch in »Das Ende einer Last« grundlegend widmet, beschäftigt sich Gerd Fleischmann mit dem großen Buchgestalter Jan Tschichold, der vielen als Guru gilt. Gerd Fleischmann fasst die Lebensgeschichte von Jan Tschichold so zusammen:

Bis zu seiner Emigration 1933 war er ein Verfechter der ›Neuen Typografie‹, wurde dann aber zunehmend zum ›Gralshüter‹ der Tradition. Er hat sich in über 50 Jahren seines Schaffens fast zu allen Fragen geäußert, die ein typografischer Gestalter, eine typografische Gestalterin stellen kann. Seine Vorträge, Aufsätze und Bücher haben weltweit die Szene beeindruckt und beeinflusst, ebenso wie seine Buchgestaltung. Sein Denken war bestimmt von der Technik des Bleisatzes und des Buchdrucks. Höhepunkte sind die Satzregeln, die er 1947 für die Penguin-Klassiker-Paperbacks formuliert und bis 1949 durchgesetzt hat, und seine Schrift Sabon, eine Renaissance-Antiqua, die er für die damals vorherrschenden Satzverfahren, Handsatz, Zeilenguss (Linotype) und Einzelbuchstabenguss (Monotype) formengleich und damit kompatibel entworfen hat.

Worum geht es in »Tschichold - na und?«

Auf 57 Seiten beleuchtet Gerd Fleischmann in 24 Miniaturen Tschichold im »Spiegel der aktuellen Situation der Buchgestaltung und des Buchmarktes«. Dabei lesen sich die Miniaturen zu Anfang ein wenig willkürlich. Während des Lesens erhält man zwar zahlreiche Informationen, deren Verknüpfung leuchtet aber nicht unmittelbar ein und erschwert den Zugang.

Dafür schreibt Gerd Fleischmann jedoch klar und verständlich. Sein Essay setzt sich intensiv auf verschiedenen Ebenen mit Tschichold auseinander. Weder will Gerd Fleischmann Tschichold zerlegen noch einen Lobgesang anstimmen. Eher relativiert Gerd Fleischmann die Arbeiten Tschicholds und weist auf Löcher, Denkfehler oder nicht mehr passende Tatsachen hin. Dies geschieht immer mit Respekt und großem Hintergrundwissen. Gerd Fleischmann geht es in erster Linie um die Sache und die Auseinandersetzung und manches Mal wünscht man sich, es gäbe einen Dialog zwischen Fleischmann und Tschichold. Die Diskussion wäre sicherlich sehr spannend.

Hat Tschichold heute noch Bedeutung?

Bücher dienen nicht alle dem gleichen Zweck. Denn ihr Inhalt variiert. Es gibt Gebrauchsliteratur, Sachliteratur, Bücher die als Medium wissen (samt Bildern) speichern, Kunstbücher und so weiter… Ich Jan Tschichold hat sich – so verstehe ich es – Zeit seines Lebens intensiv mit der Buchgestaltung, den Gesetzen von Buchstaben, ihrer Anordnung und der Technik auseinandergesetzt. Für den Pinguin Verlag destillierte er grundlegende Gesetze, die viel bewegt und beeinflusst haben. Zahlreiche – nicht nur Tschicholds – typografische Gesetze gelten heute noch und werden wahrscheinlich noch sehr lange, wenn nicht sogar für immer gelten. Schon alleine darum lohnt sich eine Auseinandersetzung mit dem Guru.

Tschichold selbst arbeitete in einer Zeit, in welcher der Bleisatz und das Setzen von Schrift maßgeblich war. Moderne Techniken und Lesemedien wie Tablets oder E-Book-Reader hat der 1974 verstorbene Typograf nicht mehr kennengelernt. Auch nicht die Herausforderung der Web Typografie.

Wer sollte reinlesen?

»Tschichold - na und?« ist ein Fachbuch zu einem eng gesteckten Thema. Wer sich für Typografie interessiert, wird nicht nur gut unterhalten, sondern dem vermittelt Gerd Fleischmann einiges an Wissen. Zu Anfang hätte ich mir eine verständlichere Einführung in das Buch und seine Ideen gewünscht, eine Art »Leseanleitung«. Damit würde der Autor noch mehr Leser abholen, um sich mit seinen Miniaturen auseinanderzusetzen. Wer sich ein wenig genereller mit dem Medium Buch auseinandersetzen will, dem empfehle ich erst einmal »Das Ende einer Last« von Karl Günter.

Persönlich hat mir aber neben dem Thema selbst, unter anderem die typografische Gestaltung des Buches sehr zugesagt – was eigentlich von dieser Serie zu erwarten ist. Außerdem habe ich dank Gerd Fleischmann (Blog) weitere Typografie-Literatur und -Quellen entdeckt, um mein eigenes Wissen zu vertiefen. Und sicherlich lese ich das Buch noch ein weiteres Mal, um die Fülle der Denkanstöße und Destillate Fleischmanns zu erfassen.

Informationen zum Buch

Gerd Fleischmann
»Tschichold – na und?«
Wallstein Verlag, 2013
ISBN: 978-3-8353-1353-8

Webseite des Verlages zum Buch

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