DIY-Rap-Seifenoper: Sarkastische Töne, herbe Beats, exquisite Optik

samstag2015

Rap-Soap mit Hirn · Mit samstag2015.de produzieren Slomo, Lunte und Textkollektor einzigartige musikalische Rap-Videos. Diese veröffentlicht das Trio Folge für Folge Samstags im Internet. Ihrer Soap seift dabei ordentlich deutsche Rap-Kopien ein, die amerikanische Vorbilder ohne Sinn und Verstand kopieren. Ohne großes Produktionskapital beweisen die drei, dass jeder mit Köpfchen im Mitmach-Web großartige Kunst veröffentlichen kann und das deutschem Hip Hop noch eine Dimension fehlte. Ein Interview.

Eins vorab: Das Video-Rap-Projekt samstag2015.de gehört in meinen Augen zu den spannendsten Projekten, die ich dieses Jahr entdeckt habe. Mit wortgewaltigen Texte trommelt Lunte gemeinsam mit den Beats von Slomo auf das Zwerchfell. Die zweite Staffel strotzt nur so vor Zynismus, Wortspielen und tiefgründigen Geschichten und werden eigenwillig roh und gekonnt von Bewegtbildern von Textkollektor in Szene gesetzt. Aber fragen wir mal genauer nach…

Wer steckt hinter Samstag2015.de?

Slomo: Zum einen ich,der Beatkonstrukteur, Trackaufnahmeleiter und Arrangeur. Ausserdem fungiere ich in der Rolle des „DJ“ als Dialogpartner von „RAPPER“,wobei der Rap in beiden Rollen von Lunte geschrieben und gerappt wird.

Textkollektor: Lunte und ich denken uns den Plot aus. Außerdem mache und schneide ich die Bilder.

Lunte: Anfangs habe ich die Texte allein geschrieben und mit Slomo zusammen aufgenommen. Als wir in die zweite Staffel gingen, haben wir uns alle drei hingesetzt und ein neues Konzept ausgeheckt. Zusammen mit Textkollektor entstand dann die Staffelplanung für die die “Rapper-DJ-Saga”. Die Texte schreibe ich dann und mach die beiden Stimmen bei der Aufnahme.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, eine wöchentliche RAP-Soap zu veröffentlichen?

samstag2015.de: Aggro-Rappern haut Lunte verbal deftig aufs Maul! Film ab!

Slomo: Irgendwann Anfang Februar diesen Jahres kam Lunte auf mich zu, beziehungsweise wir standen bei bitterer Kälte auf dem Balkon, über den Dächern von Ehrenfeld. Da erzählte er mir von einer Idee, die er schon ein paar Jahre hatte. Ich fand die Vorstellung von einem Internetsongblog, der permanent wöchentlich einen Song präsentiert, faszinierend und zeitgemäss, da wir heutzutage in einer schnelllebigen kulturellen Zeit leben.

Um sich als Künstler einen Namen zu machen, der in Erinnerung bleibt, brauchst du entweder ein dickes Label im Rücken oder ständigen Output mit den Mitteln, die dir zur Verfügung stehen. Wir alle sind Kinder des Mittelstandes, Reichtum ist bei uns schlecht gesät und ein Label hat sich bisher auch noch nicht bereiterklärt, unsere Zukunftsmusik unter Vertrag zu nehmen. Ich mache seit Jahren fast täglich Beats und da kommt es vor, dass viele Beats einfach nur auf der Festplatte verstauben.

Um dieser destruktiven Begleiterscheinung entgegenzuwirken, kam mir die Bloggeschichte sehr gelegen. Also klinkte ich mich in die Idee mit ein und begann den Introsong zu bauen. Lunte schrieb den Text und voilà: Es funktionierte. Das Projekt hatte seinen Ursprung gefunden. Doch damit war es nicht getan. Die Umsetzung der Idee wurde weitaus komplexer.

Textkollektor: Lunte hat mich ebenfalls im Februar angesprochen. Ich fand die Idee gut, da Deadlines immer etwas Positives haben. Jede Woche muss eine Folge rausgehen. Nach der ersten Staffel wollten wir etwas wirklich Serielles machen. Lunte und ich kamen auf die Idee mit den beiden Figuren, die unbedingt ins Business wollen.

Hier haben wir auch angefangen einen Staffelplan mit der groben Handlung zu schreiben, damit die Folgen besser aufeinander aufbauen. Sie sollten kein „Funrap“ sein, aber auch komisch. Deshalb auch die Masken, die vielleicht comichaft wirken. Ohne hier einen omaverdächtigen Gemeinplatz zu gebrauchen, aber was u.a. in Deutschland raptechnisch abläuft, finde ich schon oft lächerlich. Stichwort: Gangsterrap in Deutschland.

Diejenigen kapieren nicht, dass nicht alles im Kulturtransfer 1:1 transportabel ist, ohne dabei massiv an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die kopieren bloß die Motive, ohne etwas Eigenes hinzuzufügen. Ich habe sogar oft den Verdacht, dass den amerikanischen Referenzen gar nicht zugehört haben. Dabei bin ich wahrlich kein Experte. Der Unterschied zwischen den poetischen Wortkaskaden der Vorbilder und den einfallslosen deutschen Kopisten, ist offensichtlich. Die erzählen mir immer dass sie „die Härtesten“ sind. Schon klar. Nur krieg ich über deren Toytexte nichts davon mit. Das erinnert mich immer an Badewannenpunks. Tagsüber Biersaufen und über die Gesellschaft abziehen und abends von Mama die Badewanne eingelassen bekommen.

Das Schlimmste ist immer das Fehlen jeglicher Ironie. Das ist auch gegenüber den Kids, die das hören verantwortungslos. Aber genug schwadroniert. Unser Zeug soll unterhalten und Spaß machen.

Lunte: Da ich mich in den letzten Jahren viel mit Serien und dem Netz beschäftigt habe, lag es für mich schon lange in der Luft, eine eigene kleine Serie zu starten. Doch irgendwie hatte ich immer das Gefühl, daß es nicht zu aufwändig sein sollte, sonst erstickt man in Arbeit, die im Netz droht unterzugehen.

Die Zusammenarbeit mit Slomo während der Entstehung der “Hacke” EP hat dazu geführt, daß wir ständig Tracks aufgenommen haben, von denen nicht klar war, ob und wie sie jemals veröffentlicht werden. Das erfolgreiche Blog “Generation Tapedeck” war ein weiterer Anstoß, eine eigene Serie zu starten.

Die Technologien sind alle vorhanden, es gab irgendwann keinen Grund mehr, es nicht zu tun. Außerdem wollte ich mal etwas starten, was noch keiner gemacht hat, also kein Ami und kein Brite und kein Chinese, sodass man danach nicht wieder sagt: “Achso, ist ja eine deutsche Kopie von (Seite X hier einsetzen)”.

Faszinierend an Eurem Projekt – insbesondere die zweite Staffel – ist, wie durchdacht, präzise und eloquent Texte, Bilder und Beats zusammenpassen. Schaut man sich die Materialien und Hardware an, auf die Ihr zurückgreift, staunt man schier. Schließlich filmt Ihr mit einer Canon Ixus, einer Digitalknipse. Seid Ihr stolz darauf, Low-Budget-Produkte zu nutzen, habt Ihr kein Geld für eine “normale” Kamera oder seht Ihr das als stilistisches Element?

Slomo: Die „durchdachte“ Umsetzung liegt wohl in erster Linie an den Texten und der Anpassungsfähigkeit von Luntes Rap. Der Text gibt die Story vor. Davon lebt eine „Soap“. Dass meine Beats den Rap dabei unterstreichen und die Stimmung der jeweiligen Episode massgeblich mitgestalten, liegt wohl an der langjährigen Zusammenarbeit mit Lunte.

Textkollektor: Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass die jetzigen technischen Beschränkungen konzeptueller Natur wären. Sogenanntes „Low-Budget“ ist ja selten echtes Stilmittel, sondern der Beweis des Wunsches, dass man auch mit einfacher Technik etwas auf die Beine stellen kann. Es gibt nichts Trügerischeres, als ewig auf die richtige Technik zu warten. Nach dem Motto: „Mir fehlt zum Produzieren noch Kamera X oder Mikro Y. Dann lege ich aber auch wirklich los!“

Meist bleiben dann die Aufkleber fabrikneu dran und die Sachen letztendlich im Schrank. Aus dem Grund, da es das perfekte Equipment nicht geben kann, sondern (im Neusprech) nur „Herausforderungen“. Es soll hier aber nicht der Anschein eines falsches Idealismus aufkommen. Klar wäre es toll, z.B. mit einer HD-fähigen DSR-Kamera zu drehen, was die visuelle Qualität insgesamt enorm heben würde – aber solange die nicht zu finanzieren ist, wird halt mit der lütten Ixus gedreht. Die ist zwar eingermaßen zu gebrauchen, aber einen vernünftigen Schwenk mit diesem Leichtgewicht zu machen oder den Tremor der Hand komplett auszuschalten, geht damit nicht. Dies ärgert mich manchmal, wird aber dann zwangsläufig zum Stilmittel gemacht.

Lunte: Es wäre schlicht gelogen, die Einfachheit der Technik als Stilmittel zu verkaufen. Wir haben eben nicht so viel Geld und es ging auch darum, zu zeigen, daß die Produktionsmittel nicht der entscheidende Punkt sind. Ob man nun in einem vollausgebauten Tonstudio mit Schallschutzwänden und der neuesten Software oder mit einem alten Vierspurgerät aufnimmt, ist doch letztlich unwichtig. Was zählt ist die Seele, die Stimmung, die Message und die Haltung. Das kommt immer rüber, egal mit welcher Technik. Davon abgesehen wäre es trotzdem nett eine fette Kamera zu haben, also fordere ich hiermit die Herren und Damen Mäzene auf, uns mal eine zu schenken. Haha!

samstag2015.de: Beats basteln kann jeder?!? Ne, nicht wirklich…

Wie lange braucht Ihr für eine Episode? Habt Ihr sämtliche Folgen bereits vorproduziert und wie kann man sich als Außenstehender den Entstehungsprozess einer Folge vorstellen?

**Slomo: **Mein Anteil ist ja im Prinzip der Beat und der darstellerische Part. Das kann mitunter bis zu drei Tage in Anspruch nehmen. Also real gesehen ergibt das ca. 15 Stunden Aufwand.

**Textkollektor: **Eigentlich war es der Plan vorzuproduzieren, aber einen richtigen Vorlauf haben wir bislang nicht. Sonntags nehmen die Beiden meist den aktuellen Track auf. Wir treffen uns am selben Tag und drehen anschließend. Der Improvisationsanteil ist insgesamt relativ hoch, da ich den Text erst hier erfahre. In den Folgen spielen Orte deshalb eine wichtige Rolle. Slomo und Lunte agieren dann oscarverdächtig hinter den Masken, während das Playback aus unserer Boombox kommt: einem Handy. Ich versuche dann on-the-fly die Bilder zu holen und bange, dass die Beiden sich nicht in die Schausspieler-Trailer zurückziehen. Slomo geht mit seinem method-acting da ziemlich weit…

Lunte: In der ersten Staffel war alles noch sehr frei und verschieden. Es gab einen gänzlich neuen Beat von Slomo, der den Ausgangspunkt markierte. Die einzelnen Geschichten haben sich dann nach und nach miteinander verwoben. Es gab keinen Vorlauf. In der zweiten Staffel sieht es anders aus. Es gibt eine Planung für den gesamten Erzählbogen, aber dennoch haben wir es aufgrund von Zeitmangel bisher nur einmal geschafft, eine Folge vorzuproduieren.

Eure bzw. Luntes Texte driften von melancholisch-depressiven zu himmelhochjauchzenden Tönen. Die Zwiegespräche zwischen DJ und Rapper könnten auch der innere Dialog einer zerissenen Person sein. Die Charaktere wirken gespalten, geschlagen und dann wieder wehren sie sich gegen die Misstände. Befindet Ihr Euch selbst in dieser zerissenen Situation?

Slomo: Ich kann mich sehr gut mit den launischen Texten von RAPPER und DJ identifizieren.Vielleicht klappt daher die musikalische Abstimmung ganz gut.

Lunte: Das sind zwei Fragen. Daher erst einmal zur ersten. DJ und Rapper sollen ja ein sehr holzschnittartiges Antagonistenpaar sein. Gut und böse. Fröhlich und depressiv. Schwarz und Weiß. Die Figuren selbst sind nicht gespalten. Sie verändern sich kaum, damit der Zuschauer immer wieder den beiden gleichen Figuren begegnet, die in ihrer Art erkennbar bleiben und somit eigentlich lustig sein sollen, da sie vorhersehbar reagieren.

Eine kleinste negative Begebenheit stürzt den dauerdepressiven DJ sofort in die Sinnkrise, während der vor Tatendrang sprühende RAPPER allem immer einen positiven Aspekt abgewinnen kann. Die Figuren lernen kaum oder wenig, sie bleiben wie sie sind, auch wenn sie einiges durchmachen. Man könnte DJ und RAPPER als eine zerissene Figur sehen, aber es ging ja gerade darum, daraus zwei Stimmen zu entwickeln.

Es ist einfach unterhaltsamer, finde ich. Daher ja auch die plakativen Masken, die sich außer der Mundwinkelstellung komplett gleichen. Zur zweiten Frage: Welcher Mensch ist nicht hin und her gerissen? Daher auch ich. Sicher nicht so extrem wie DJ und RAPPER, aber ich habe viel Widersprüchliches in mir entdecken können.

Die meisten Texte sind traurig, düster und man ahnt wie in Tragödien den Untergang eines Paares, eines DJs und MCs oder eines Angestellten. Versteht Ihr Euch nur als verhangene Melancholiker oder Pessimisten? Welche Hoffnungen hegt Ihr für Euch und Euer Projekt?

Slomo: Mal ernsthaft, welcher Musikschaffende will nicht mit seiner Musik Erfolg haben. Das heisst viele Menschen erreichen, bewegen und davon leben können. **Ich glaube bei jedem künstlerischen Projekt ist es zunächst Ziel, Zeitloses zu schaffen, Wiedererkennungswert zu schaffen und das alles aus Spass an der Freude. **Ach ja, ein Label zu finden,dass uns mütterlich aufnimmt wäre grandios.

Textkollektor: Dass mir DJ und RAPPER auf der Straße wenigstens aus den dicken Schlitten herauswinken werden, die sie protzig herumfahren, nachdem sie den Plattenvertrag in der Tasche stecken. Ein Sponsor, der uns z.B. eine Kamera zur Verfügung stellen würde, wäre auch gut.

Lunte: Ich finde nicht, daß es durchgängig depressiv ist. Im Gegenteil, ich lache mich bei der 2. Staffel regelmäßig kaputt, auch wenn es ja unser eigenes Produkt ist. Vieles ist so übertrieben, daß es gar nicht mehr traurig sondern lustig ist. Das war und ist auf jeden Fall mein Ziel bei der ganzen Aktion.

Ich will, daß wir die Leute gut unterhalten. Und man sagt, in jedem Witz steckt ein Funken böser Wahrheit. Vielleicht ist die Ratio bei uns noch zu sehr in letztere Richtung verschoben. Wir arbeiten daran. Ansonsten hoffe ich, daß mal ein paar mehr Leute auf das Projekt aufmerksam werden und ein Label uns hilft, das Ganze weiter zu treiben, d.h. Tonträger, DVDs, Flashmobs, Auftritte, etc.

samstag2015.de: Visuell anspruchsvollste Folge bisjetzt: Splatter-Alarm im Kölner Dickicht!

Die zweite Staffel von samstag2015.de wirkt um einiges schlüssiger und durch sämtliche Folgen zieht sich ein roter Faden. Wird es am Ende auch eine DVD zum Kaufen geben oder habt Ihr das Projekt lediglich als Internet-Kunstprojekt angelegt?

Textkollektor: Vielleicht wird wird es bald alles geben: DVDs. Tassen. T-Shirts. Starschnitte. Masken. Möglicherweise auch ein anderes Medium.

Wieviele Folgen wird es von der aktuellen Staffel noch geben? Und was kommt danach? Präsentiert Ihr samstag2015.de auch live? Plant Ihr ein Musical oder versteht Ihr Euch eher als Schlafzimmerproduzenten, die lieber produzieren und im Netz veröffentlichen?

Textkollektor: Diese Staffel ist auf 12 oder 13 Folgen angelegt. Danach wird sich zeigen, ob die Geschichte von DJ und RAPPER weitergeht, oder wir eine komplett andere Richtung einschlagen. Vielleicht Live-Auftritte mit Internetübertragung oder andere Streaming-Mischformen? Die Technik ist ja durch das Netz da.

Slomo: Danach kommt erstmal Sommerpause. Wir sind ja keine Maschinen und ausserdem haben wir auch noch unser normales Leben zu meistern. Da gibt es weitaus schwerwiegendere Probleme im realen Leben zu bezwingen als sie RAPPER und DJ zu meistern haben.

Lunte: Ja, nach der Sommerpause sehen wir weiter. Wir können sicher nur weiter machen, wenn uns ein Label die organisatorische Arbeit abnimmt, da wir uns dann viel besser auf die inhaltliche Seite konzentrieren können. Konzerte, mehr Aktionen im öffentlichen Raum, Internetkonzerttouren à la Charles Hamilton und andere Dinge werden dann folgen, aber nur, wenn wir ein Label oder Organistoren finden.

Vielen Dank für das Interview!