Was eigentlich sonst noch in Interviews passiert…

petra-engelkeEinblicke in journalistische Interviews · In guten Interviews und Portraits erfährt man wenigüber den Journalisten. Lediglich die gestellten Fragen geben Aufschluss über (Un)Wissen, Können und Interesse des Autoren seinem beäugten und mit Fragen gekneteten Objekt gegenüber. In ihrem Weblog stülpt die Journalistin Petra Engelke diese Interview-Situationen um, und berichtet streng, humorvoll oder enthüllend von ihren Erfahrungen mit Interviewpartnern.

Als Journalist recherchiert, schreibt und berichtet man über Themen. Dabei tritt man immer wieder in den Dialog mit Persönlichkeiten, Popstars, Buchautoren und Schauspielern. Portraits und Interviews berichten von diesen Begegnungen zwischen Star und Projektionsfläche. Selten erfährt man in den eigentlichen Artikeln dann etwas über die Situation des Interviews, über schwierige Fragen und verweigerte Antworten.

Journalist, der man ist, hält man sich im Hintergrund. Doch was alles so schieflaufen kann, erfährt man nicht. Wie unverschämt sich Interview-Partner manchmal verhalten, bleibt genauso unter der Decke, wie peinliche Fettnäpfchen, in die man auch mal tritt. Und dann erfährt man auch noch Geheimes, was man doch nicht berichten darf, weil man den Recorder ausschalten musste.

In ihrem Weblog p.eng flattert die Journalistin Petra Engelke als Beobachter über vergangenen Interviewsituatione. Als Meta-Engel beäugt Sie schräge Situationen und spannende Begegnungen erneut und nimmt sich, als auch den Interviewpartner erneut aufs Korn.

Petra, stell Dich doch kurz einmal vor! Für wen hast Du bereits alles Interviews und Portraits geschrieben?

Ganz vorne nenne ich da am besten Alert und Galore – beides sind Interviewmagazine. Außerdem schreibe ich unter anderem für die Financial Times, Visions, kinki, Unicum, hörbar, Zwanzig10 und Heimatdesign (da bin ich auch gleich noch Chefredakteurin).

Wie bist Du auf die Idee zu einem Blog zum Thema Interview gekommen? Veröffentlichst Du hier Geheimnisse, die Du woanders nicht publiziert hast?

Die Idee entspringt zwei Erlebnissen: Erstens gebe ich auch Seminare zum Thema “Interviewtechniken”, und da stelle ich immer wieder fest, dass Nachwuchsjournalisten gehörigen Respekt vor Interviews haben – und dass Anekdoten aus meinem Berufsalltag sie weiterbringen. Jetzt mal abgesehen vom Unterhaltungsaspekt: Es geht eben auch immer wieder etwas schief, und daraus lerne ich. Wenn’s auch anderen nutzt, warum soll ich das verschweigen? Beispiele – auch gute oder schlechte fertige Wortlaut-Interviews – finde ich wichtig, auch für meine eigene “Weiterbildung”.

Der zweite Punkt ist: Ich habe im Netz keine Seite gefunden, die sich in dieser Form mit Interviews beschäftigt. Mir fehlte eine Seite, die ähnlich wie diverse Medienkritik-Websites aufgebaut ist, sich aber speziell das Thema “Interview” vornimmt: Wo ich Fachinformationen finde, aktuelle Beispiele aus verschiedenen Medien diskutieren kann und vielleicht auch etwas über das Drumherum erfahre. Tja, wenn man nicht alles selbst macht. Jetzt hoffe ich darauf, dass sich daran Diskussionen entzünden, weil ich es spannend fände, wie andere dieses oder jenes Interview finden oder wie sie dieses oder jenes Problem lösen. Ich bekomme zwar schon Kommentare, aber die Kollegen schicken sie mir offenbar lieber per E-Mail, als sie der öffentlichen Diskussion zu stellen.

An wen richtet sich Dein Weblog?

In erster Linie natürlich an Journalisten – ganz egal, für welche Medienart sie sich entschieden haben, und ob es nun Profis sind oder Anfänger. In zweiter Linie an Menschen, die sich für Kommunikation und Gesprächskultur interessieren. Interviews **sind schließlich eine **Form des Gesprächs, **aus deren **Elementen **man auch etwas für andere Lebensbereiche mitnehmen **kann, ob es nun Vorstellungsgespräche oder Rendezvous betrifft.

Gibt es eine Interviewbegegnung, die Dich besonders geprägt hat?

Mehrere. Interviews mit Journalisten bleiben zum Beispiel oft stark im Gedächtnis, weil die “andere Seite” ja auch weiß, wie man Interviews macht, und es manchmal zu einem Gerangel kommt, wer denn nun die Fragen stellt. Das war zum Beispiel mit Jörg Thadeusz sehr lustig – und ich konnte mir ein bisschen von seinem grandiosen Stil abgucken.

Mich prägen aber auch Situationen, die für den Moment unangenehm waren. Zum Beispiel habe ich vor einigen Jahren den Deutschland-Chef der Tierrechtsorganisation PETA interviewt. Seine Organisation hatte gerade eine Kampagne gestartet, die Massentierhaltung mit KZs gleichgesetzt hat. Ich hatte mich zwar intensiv darauf vorbereitet, aber als ich mit ihm darüber sprach, sagte er etwas, worauf ein paar Sekunden Pause entstanden, weil ich sprachlos vor Entsetzen war. Das war eines von zwei Interviews, in denen ich kurz davor war, abzubrechen und zu gehen.

Dabei habe ich viel darüber gelernt, dass Emotionales nicht nur beim Gesprächspartner, sondern auch bei einem selbst eine große Rolle spielen kann.

Was war das skurilste Interviewerlebnis, das Du jemals hattest?

Ich habe da keine Hitparade… So manche Künstler bringen einen in eigenartige Situationen. Hier drei, die mir zuerst einfallen:
Ein Interview mit Brody Dalle von der Punkband The Distillers, die just an diesem Tag beschlossen hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Keine gute Idee. Nach dem Interview fasste sie mich an die Schulter und sagte: “Did I really scream at you, honey? I’m so sorry.”

Ein Interview “backstage” auf einem Festival, ich weiß nicht mehr, mit wem das war. Der Bühnenlärm war so irre, dass ich meinem Interviewpartner die Fragen ins Ohr brüllen musste, er brüllte seine Antworten in mein Mikro. Ich habe davon nichts verstanden, mein Aufnahmegerät hat aber eine verständliche Aufnahme gemacht – bei der ich dann feststellte, dass meine “Anschlussfragen” zum Teil grotesk waren in Bezug auf das, was er vorher gesagt hatte.

Ein Interview mit einem Künstler (dessen Namen ich jetzt hier nicht nenne), der bis in die Haarspitzen zugedröhnt war. Ich musste mir die Interviewzeit kurzfristig mit einem Kollegen teilen, der beeindruckt von meinem Vorbereitungsblatt war, und wir hatten Witze darüber gemacht, wie manche Gesprächspartner auf gut vorbereitete Fragen schon mal sagen: “Oh, I never thought about that”. Tja, und dieser Herr nun sagte auf meine drei ersten Fragen stets “Oooooh… that’s interesting…” Und nichs weiter. Danach verspürte ich einen derartigen Drang zu lachen, dass ich den Kollegen unter dem Tisch anstieß, der dann die nächste Frage übernahm. Der Rest verlief dann ganz ähnlich, immer abwechselnd.

Bevorzugst du lieber Schauspieler, Musiker, Schrifststeller, oder…? Worauf kommt es Dir in Deinen Interviews an?

Ich habe keine solchen Vorlieben. Mich muss die Person interessieren. Wenn ich spontan, also höchstens nach einer ganz kurzen, oberflächlichen Recherche zur Person sofort ein paar Fragen im Kopf habe, zu denen ich wirklich gern eine Antwort hätte, dann kommt sie in Frage.

Es gibt Leute, die zwar vielleicht gerade als “wichtig” gelten (und bei denen klar ist, dass sich ein Interview gut verkaufen ließe), aber wenn ich keinen Bezug zu ihnen habe, bin ich nicht die Richtige dafür. In den Gesprächen kommt es mir darauf an, dieses ernsthafte Interesse (das sich durchaus auf irgendein Detail beziehen kann) auch rüberzubringen, mir vorher entsprechende Frage-Ansätze zu überlegen und dann zu erfahren, wie die Welt aus der Sicht dieser Person aussieht. Möglichst natürlich Aspekte, die nicht schon überall breitgetreten wurden.

Wen würdest Du gerne noch zu einem Interview bewegen?

Ich war neulich durch einen Zufall auf einer Ausstellung alter jüdischer Schriften, und eine der Angestellten dort erzählte mir eine grandiose Geschichte über den betagten Sammler. Den habe ich gerade im Kopf.

Petra, vielen Dank für das Interview!

Website: http://interview.p-eng.de