Björk und Brian Eno auf Entdeckungsreise ins App-Universum

Björk und Brian Eno auf Entdeckungsreise ins App-Universum

Musik-Apps von Musikern kommen langsam in Schwung. Nachdem Brian Eno mit »Bloom« ein spannendes Konzept vorgelegt hat, will jetzt auch Björk mit »Biophilia« das Herz der Musikliebhaber erobern. Beide Musiker betreten aber unterschiedliche Pfade. Ein Vergleich.

Das neue Album von Björk ist mehr als ein Album. »Biophilia« kombiniert Musik, Kunst, Videos, Spiel und Programmierung als Multimedia-projekt. Sämtliche Formen bündelt Björk in einer iPad-App. »Biophilia« bedeutet wörtlich übersetzt die »Liebe zum Leben« und setzt sich aus den beiden altgriechischen Begriffen »bios« und »philia« zusammen.

Und genau darum dreht sich das Multimediaprojekt. »Leben« transformiert Björk zu einem Universum, in welchem innerhalb der App Musik, Songtexte und Instrumentierung mit Spielen und Interaktionen verknüpft werden. Björk versucht hierbei den Zuhörer als Zuschauer und Mitspieler zu gewinnen. Die Strategie hinter dem Multimediaprojekt zielt auf eine nähere Bindung des Zuhörers. Spielerisch soll dieser sich mit Musik, Texten, Ideen und Bildern auseinandersetzen: mit den Ideen, dem Universum Björks.

Björk ist nicht die erste Musikerin, die sich an einer iPad-App versucht. Ähnliche Wege haben bereits andere bestritten. Andere neugierige und experimentelle Künstler. Wie zum Beispiel Brian Eno, der bereits mit drei Apps für das iPhone und einer App namens »Bloom« für das iPad aufwarten kann. Auch der Ambient-Künstler Brian Eno sucht mit seinen Programmen für die mobile Glasplatten die Interaktion mit dem Benutzer.

Im Gegensatz zu Björk bildet aber nicht ein Musikalbum das Fundament der App, sondern Musik und Harmonielehre selbst. »Bloom« erlaubt als Musikinstrument auf einfache Weise dem Benutzer sanfte, beruhigende und sphärische Musik zu produzieren. Diese läuft in einer Endlos-schleife und füllt den Raum mit New Age-verwandter meditativer Musik.

Die Musik produziert der Benutzer einfach, indem er auf die Bildschirmfläche des iPads tippt. Jede Berührung der iPad-Glasplatte hinterlässt einen Pianotupfer oder runden vollen Sinuston. Die Töne reihen sich dabei in eine Schleife ein, die sich nach einiger Zeit wiederholt. Gleichzeitig erlaubt das Programm dem Musizierenden den Eingriff in verschiedene Parameter und vorgefertigte Stimmungen.

Die Arbeit und Kunstfertigkeit von Brian Eno liegt in der Verknüpfung von Musiktheorie, Klangsynthese und Programmierung. Dahingegen kreiert Björk ein Universum, in welches sie Musikliebhaber entführt, um sie auf Entdeckungsreise in ihr Reich zu begleiten. Die App von Björk ist somit ein spannender Versuch, den Hörer näher an Björk und vertrauter mit der Künstlerin zu machen. Dazu bietet die App zu jedem neuen Song eine Karaokeversion, eine (interaktive) Videoanimation, ein kleines Spiel, Hintergrundinformationen zum Musikstück und den kompletten Notensatz.

Neben den für ein Album typischen Bestandteilen wie Grafiken und Texten zu Songs, bietet die App somit auch wunderschön animierte Karaoke-Videos, in welchen kunstvoll grafisch der Song dahinfließt. Beim Song »Virus« rollen dann die Noten ähnlich wie bei dem Notenpapier einer Drehorgel von links nach rechts über den Bildschirm. Die Noten in Form von Balken variieren dabei in Farbe und Länge. Björks Gesang repräsentiert sich als dünner Faden, auf welchem blaue Kreise immer dann auftauchen, wenn Björk neue Töne und Wörter anstimmt. Die Größe der Kreise stellt dabei die Länge und Lautstärke der gesungenen Noten dar, die mit dem abebben von Tönen kleiner werden.

Gamification: Das Musikalbum als Spielplatz

Jeder neue Song von Björk kommt mit einem neuen kleinen Spiel daher. Während man bei »Cristalline« einen Kristall durch Röhren steuert, um weitere Kristalle durch kippen des iPads aufzusammeln, entpuppt sich das »Spiel« des Songs »Virus« als kleines Miniinstrument, welches auf die Bestandteile des Songs Zugriff erlaubt. Im Vergleich mit »Bloom« von Brian Eno sind die Spielansätze von Björk eher rudimentär und in einem vorgefertigten Korsett festgezurrt. Sie dienen der Auseinandersetzung mit den Song und ihrer Thematik. Die App von Brian Eno bietet dahingegen einen spielerischen Ansatz Musik selbst zu erforschen, zu verstehen und zu komponieren.

Neue Wege für Musiker

Das neue Album von Björk ist interdisziplinär und wäre ohne die technische Unterstützung von Designern und Programmierern so nicht möglich. Neben den Programmieren und Designern hat Björk laut den Informationen zur App auch »mit Künstlern, Wissenschaftlern, Instrumentenherstellern, Autoren und Softwareentwicklern zusammengearbeitet«, um ihre multimediale Entdeckungsreise durch das Universum und seine physikalischen Kräfte, Prozesse und Strukturen zu ermöglichen.

Somit wird auch der Programmierer hier offiziell zum Künstler. Im Zusammenhang mit der »Biophilia« App passt der Programiererslogan »Code is poetry«. Schließlich entsteht aus dem Programmiercode und den mathematischen Algorithmen ein wundersames Kunstwerk. Schon immer hat die experimentelle Isländerin gerne mit Innovatoren der unterschiedlichsten Disziplinen zusammengearbeitet und sich ausprobiert. Jetzt kommt zum ersten Mal die Programmierung samt Algorithmen ins Spiel.

Als Musikerin hat auch Björk mit der Problematik des »Download à la carte« zu kämpfen. Während früher das Musikalbum als Gesamtkunstwerk gekauft wurde, »rupft« heute der Kunde das Album auseinander und pickt sich die Rosinen heraus. Sperrige Songs finden so kein Gehör und es ist unmöglich einen längeren Pfaden zu spinnen.

Letzten Endes bedeutet das ein Loch im Portemonaie. Im schlimmsten Fall ruiniert sich der Musiker mit der Finanzierung eines Albums. Die »Programmierung« eines Kunstwerkes« liegt da nah. Insbesondere die Möglichkeit des »in-app purchase« ermöglicht weitere Verdienstmöglichkeiten. Denn die App selbst ist gratis. Möchte man das Universum erweitern, muss man einzelne Bestandteile über den »in-app purchase« nachkaufen. Ein cleveres Konzept, dass mit dem Spielspaß der Musikliebhaber liebäugelt und gleichzeitig auch einen Sesselmodus bie-tet. Schließlich darf man sich auch einfach zurücklehnen und zusehen, wie sich z.B. bei »Virus« die Viren langsam einer Zelle nähern, um sich anschließend einzunisten und diese zu zerstören. Das macht neugierig auf mehr und den nächsten Song samt Multimediainhalten.