Gestalte mit.

In welcher Gesellschaft willst Du leben?

Seit Jahren beschäftigt mich die Frage: In welcher Gesellschaft möchten eigentlich meine Mitmenschen leben. Für mich habe ich die Frage fast vollständig gelöst und kann eine immer genauere Antwort geben. Viel irritierender und angsteinflößender ist für mich aber meine nächste Frage: »Machen sich andere Menschen überhaupt Gedanken darüber, wie die Gesellschaft in der sie leben, aussehen soll?«

Kinder bauen sich eine Weltsicht aus dem Nichts

Unsere Kinder haben meine Sicht auf unsere Welt und Gesellschaft verändert. Auch wenn ich bereits früher gerne meine Mitmenschen beobachtet habe, so beobachte ich heute meine Mitmenschen mit der begleitenden Frage: »Wie wirkt wohl unsere Welt auf (meine) Kinder?«

Während wir »Erwachsenen« oder besser gesagt wir Älteren bereits zahlreiche Erfahrungen gemacht haben und Probleme gelöst oder versucht haben zu lösen, so sehen Kinder die Welt mit ungefilterter Sicht und versuchen sich diese Welt mit eigenen Antworten zu erklären. Während wir oft Fragen beantworten und auf bereits eigene gefällte Antworten oder verinnerlichte Antworten anderer zurückgreifen ohne noch einmals nachzudenken, so stehen Kinder noch gar nicht an diesem Punkt. Das führt dann oft zu drolligen Erkenntnissen, wie »Wenn das Pferd Hunger hat, dann hat das Pferd Hunger.« oder zu Antworten wie »Mein Körper muss halt manchmal weinen.« auf die Frage, warum das Kind den gerade heule.

So weit, so amüsant. Aber welchen Schluss ziehen zwei Mädchen, die – wie gestern geschehen – mit ihrem Vater ein wunderbares Eis schlecken, wenn dieser die Hand hochhebt und den essbaren Waffeleisbecher in den Papierkorb wirft? Ich war verdutzt und war auf die Reaktion der kleinen Kinder gespannt. Diese ließen sich jedoch erst einmal nicht irritieren, und knabberten den Becher weiter auf und wollten ihn nicht hergeben. Zum Erstaunen des Vaters, der meinte: »Wir essen doch gleich noch zu Abend.«

Als die Drei sich dann aufmachten, habe ich aus einem Reflex in den Mülleimer geschaut und war ein weiteres Mal erstaunt: Neben Eiswaffelpapierchen, war der Mülleimer fast zur Hälfte mit leicht angeknabberten Waffelbechern und Hörnchen gefüllt. Welche Schlüsse zieht ein Kind aus dem Verhalten des Vaters und wenn es selbst in einen solchen Mülleimer blickt?

Welche Gesellschaft wünschst Du Dir denn eigentlich?

Solche Erlebnisse, Fragen und Gedanken finde ich spannend und sie erschrecken mich. Ich mache mir dann oft Sorgen und hoffe, dass meine Kinder sich ein gesundes Weltbild aufbauen. Vor allem ein Weltbild, dass man selbst mitprägen und gestalten muss.

Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem Anderen zu.

Zu sehr empfinde ich unsere Gesellschaft als eine Gesellschaft, in welcher jeder erst einmal an sich selbst denkt. Einerseits denke ich, ist das in der Natur des Menschen einfach so grundlegend angelegt. Natur ist egoistisch und will den eigenen Bestand sichern. Trotzdem finde ich es bizarr, wie viele Menschen Rechte und Dinge für sich beanspruchen und kein Bißchen darüber nachdenken, wie das wohl mit den anderen Drumherum ist. Oder wenn Sie in der umgedrehten Situation stecken würden.

Das fängt bei der unentspannten Hektik an einer Supermarktkasse an und hört beim Horten der Milliarden der Megakonzerne über Steuertricks auf. Wenn ich sehe und von vorherigen Besuchen weiß, dass man bei REWE am Ende des Bandes nicht in Ruhe einen Großeinkauf mal eben schnell verstauen kann, dann kann ich doch meinem Vorgänger ein paar Minuten mehr Zeit lassen, als ihn wegzudrängeln. Schlimm ist es, wenn das dann vor allem Rentner mit Ferien-für-immer sind. Ich denke dann immer, »Was machst Du alter Sack eigentlich, wenn Du in fünf Jahren hier mit Rollator stehst? Sicherlich beschwerst Du Dich dann über die Rücksichtslosen, die immer so drängeln…«

Ein paar Etagen höher, stellt sich dann doch auch die gleiche Frage: Will ich eigentlich, dass niemand mehr Steuern zahlt? Was für eine Infrakstruktur wünsche ich mir eigentlich für meine Gesellschaft? Und wie soll die entstehen, wenn wir nicht zahlen?

Die Elende Pest namens Cybermobbing

Heute habe ich Stoffels engagierten Text »Wandelnd auf dem schmalen Grad zwischen Maul halten und Mund aufmachen« gelesen. Ich habe geahnt, was den Anstoß gegeben hat und habe dann bei Das Nuf weitergelesen, um dann den traurigen Artikel von Kathy Sierras zu lesen. Ich hatte auch schon einmal einen Stalker. Warum der mich auf dem Kicker hatte, hat er mir nie erklärt. Er hat einfach ein Jahr lang versucht mich mit bedrohlichen und anonymen SMS-Nachrichten zu ängstigen und mit Anrufen mitten in der Nacht um den Schlaf zu bringen. Ich habe die »Don’t feed the troll!«-Methodik angewandt und habe ihn einfach ignoriert.

Schlimmer liest sich aber die Geschichte von Kathy Sierras. Wenn ich mir dann diese Aktionen von Soziopathen und Assozialen durchlese, frage ich mich, was diese Menschen für ein Gesellschaftsbild haben. Ich frage mich, wie es zu so wenig Sensibilität oder Boshaftigkeit kommen konnte. Was macht die Gesellschaft falsch, dass Menschen Angst um ihr Leben bekommen und andere so gut wie gar nicht die Quittung zahlen. Warum haben diese Kreaturen so viel Zeit, Energie und schwarze Materie in sich, um so ekelig die Welt mit ihrem Gestank zu vernebeln.

Und was kann man tun, um diesen Menschen auf einen hellen Pfad zu bringen? Oft wahrscheinlich ist es wenig. Zumindest über digitale Wege bewegt sich da sicherlich nichts. Da muss man schon jemanden wie Uwe Ostertag besuchen, um eine Ahnung von der schimmeligen Einöde zu bekommen, in welcher dieser Troll haust. Hass gießt sich eben leichter ins Internet, als an sich zu arbeiten, wie der interessante FAZ.net-Artikel »Hass im Netz – Ich bin der Troll« zeigt. Ich pflichte da einfach nur betrübt Frank Patalong bei: »Was für ein verschwendetes Leben.« und empfehle den Bericht über einen analogen Brief-Troll mit versiertem Journalisten-Verteiler.

Tweets und Postings bewegen (fast) nichts

Also bittet tweetet nicht, wenn Euch was missfällt. Schreibt nicht zillionen Postings oder tippt Euch bei Facebook in Diskussionen die Finger wund. Nutzt genau diese Zeit im normalen Leben, und werdet aktiv.

Meine Antwort ähnelt also der Antwort von Stoffel: »Mach was!« Frage Dich, wie Deine Wunschgesellschaft aussieht. Wenn Du eine ungefähre Antwort darauf hast, dann ziehe Deine Schlüsse aus den Wünschen. Das bedeutet: Mach was, damit diese Gesellschaft so wird, wie Du Sie Dir wünschst. Sonst wird das nichts.

Wenn Du möchtest, dass man Dir später im Alter in der Öffentlichkeit hilft, dann helfe heute alten Menschen, wenn Sie es brauchen. Wenn Du möchtest, dass Kinder in unser Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekommen, dann fahre in der Stadt und Wohngebieten langsamer. Und so weiter, und so weiter…

Gestalte mit.

PS: Die verlinkten Beiträge sind Leseempfehlungen.